Lesezeichen mit Lippenstift

Antiquar sammelt seit 35 Jahren Dinge, die er in Büchern findet

Beim Aufhängen der Lesezeichen: Winfried Jenior hat einige seiner Fundstücke in seinem Antiquariat als Ausstellung an einer Wäscheleine aufgehängt. Foto: Ludwig

Kassel. Bücher erzählen viel mehr, als das, was auf ihren Seiten zu lesen ist. Diese Erfahrung hat Winfried Jenior schon hundertfach gemacht.

Der 61-jährige Antiquar aus Kassel ist seit 35 Jahren im Geschäft und genauso lange sammelt er die Dinge, die er in seinen angekauften Büchern findet. Das sind längst nicht nur Lesezeichen, sondern auch Geld, Eintrittskarten, Zeichnungen, getrocknete Pflanzen und sogar Briefe an den verflossenen Liebhaber. Wir stellen einige Stücke der außergewöhnlichen Sammlung vor.

„Es ist weniger eine Sammlung, als vielmehr eine Ansammlung“, sagt Jenior. Über 1000 zufällige Fundstücke sind ihm über die Jahrzehnte sprichwörtlich in die Hände gefallen. Der 61-Jährige, der mit seinem Antiquariat vor zwei Jahren von der Lassallestraße an der Marienstraße 5 umgezogen ist, hat damit begonnen sie nach Themen zu sortieren: Heiligenbilder, Kalenderblätter, Zeichnungen, Eintrittskarten, Banknoten, Postkarten.

Neben den klassischen Lesezeichen, die zum Teil gut 100 Jahre alt sind, gibt es zahlreiche Funde, die für die früheren Eigentümer des Buches als Lesezeichen fungierten. Dazu gehören etwa Lebensmittelkarten aus den Kriegsjahren, Strafzettel, Kassenbons, Lottoscheine, ein Autogramm von documenta-Gründer Arnold Bode und ein hochwertiger Zahnstocher aus Elfenbein.

Liebesbotschaft: Auch diesen Zettel fand Jenior in einem der Bücher.

Viele dieser kleinen Schätze haben Geschichten zu erzählen – auch intime. Da ist etwa ein Zettel mit Lippenstift-Kussmund und der Notiz „Ich liebe dich unendlich“. Und eine Feldpostkarte von 1917, mit der ein Soldat seinem Kameraden einen Erinnerungsgruß an das gemeinsam verbrachte Kriegslazarett sendet. Eine Boardkarte für einen Flug nach Detroit verrät, dass sie zu einer Zeit ausgestellt wurde, als das Rauchen im Flugzeug noch erlaubt war.

Besonders schön ist aber der Brief, den eine Hella von U. aus Kassel 1935 an ihren Liebhaber, einen Herr G., schrieb. Darin rechnet die Dame mit dem verheirateten Mann ab, mit dem sie offenbar eine Affäre pflegte. Aber wie kam dieser Brief in das Buch, das Jahrzehnte später im Antiquariat von Winfried Jenior landete? Hat das Liebespaar über das Buch, das eventuell in einer Bücherei öffentlich zugänglich war, mit Briefbotschaften kommuniziert? Eine Art Geheim-Briefkasten? Diese Fragen werden sich wohl nie mehr beantworten lassen. So lebt die Sammlung von der Fantasie der Betrachter.

Jenior hat einige Sammlungsstücke in seinem Antiquariat (Marienstr. 5) an Wäscheleinen aufgehängt. Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten, Mo-Fr 10-13 und 15-18 Uhr, zugänglich. Samstag ist geschlossen.

Mehr Bilder zum Thema finden Sie heute in der gedruckten Zeitung.

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