Antisemitismus wächst auch in Kassel - „Jude gilt als gängige Beleidigung“

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Sucht das Gespräch: Elena Padva ist die Leiterin des Sara-Nussbaum-Zentrums für Jüdisches Leben in Kassel an der Ludwig-Mond-Straße. 

Kassel – Um den 27. Januar, der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945, stehen viele Veranstaltungen zum Gedenken der Opfer des Holocaust an. 

Nun gab es außerdem nach einer Filmvorführung eine Diskussionsveranstaltung gegen rechts. Aus Anlass des Jahrestags von Hitlers Machtergreifung wurde in Kasseler Kinos der Film „Das letzte Mahl“ gezeigt, ein Kammerspiel, das 1933 in der Wohnung einer jüdischen Familie spielt. Auf dem Podium saßen unter anderen Ilana Katz, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kassel und Elena Padva, die Leiterin des Sara-Nussbaum-Zentrums für Jüdisches Leben. Mit ihr unterhielten wir uns über Gedenken und zunehmenden Antisemitismus.

Wie wichtig ist für Sie Erinnerungskultur? Ist sie noch lebendig genug?

Elena Padva: In den jüdischen Gemeinden ist es selbstverständlich, sich zu erinnern. In jeder Familie gibt es Holocaust-Opfer. Es soll niemand davon abgehalten werden, am Holocaust-Gedenktag Kränze niederzulegen. Das sind durchaus wichtige symbolische Handlungen, die zum Beispiel zeigen, wo eine Stadt steht. Wir sollten aber grundsätzlich überlegen: Wie können wir vor allem junge Menschen ansprechen, denn die verschließen sich oft mit dem Argument: Ach, nicht schon wieder. Die Welt ist so komplex geworden und für viele junge Menschen liegt die Zeit des Dritten Reichs so fern wie das Alte Rom. Man sollte bei Gedenken einen Bezug herstellen. Wir sollten überlegen, wie wir gemeinsam die Zukunft gestalten.

Wie soll das geschehen?

Dafür ist es notwendig, die Geschichte zu kennen. Wir vom Sara-Nussbaum-Zentrum suchen nach neuen Formen. Wir fragen: Wie können wir verhindern, dass Menschen ausgegrenzt werden? und suchen dann nach Beispielen. Dabei ist es wichtig, sich auf die lokale Geschichte zu beziehen. Die Zahl von sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden ist abstrakt. Wenn ich aber vom Schicksal eines jüdischen Jungen erzähle, der in meiner Stadt gelebt hat, der gelacht hat und Schlittschuhe gefahren ist, bevor er ermordet wurde, geht mir das Schicksal nah. Das ist auch das, was Kinder berührt. Dann kann ich mit ihnen über Geschichte reden.

Es geht beim Erinnern und Gedenken darum, daraus Lehren und Konsequenzen zu ziehen. Erleben Sie Antisemitismus und Anfeindungen?

Ich kann nicht im Namen der ganzen jüdischen Gemeinschaft sprechen, ich habe aber Einblick. Und da muss ich mit großer Besorgnis feststellen: Der Antisemitismus hat stark zugenommen. Er kommt nicht von einer bestimmten Gruppe, sondern er kommt von links, von rechts, von Muslimen und aus der Mitte der Gesellschaft.

Wie äußert sich das?

Wir haben seit 2016 im Sara-Nussbaum-Zentrum eine Meldestelle für Antisemitismus eingerichtet, die es Betroffenen erleichtern soll, sich bei antisemitischen Vorfällen zu melden. Das geht von gesichteten Hakenkreuz-Schmierereien bis hin zu verbalen Attacken, weil jemand einen Davidstern trägt. Ein Problem, dass uns große Sorgen bereitet, ist die zunehmende Belästigung und Ausgrenzung von jüdischen Kindern in den Schulen. „Jude“ gilt da als gängige Beleidigung. Da heißt es auf dem Schulhof „Mit Juden spielt man nicht“. Einmal wurde uns gemeldet, dass ein jüdisches Kind während eines Gedenkstätten-Besuchs der Schulklasse von einem Klassenkameraden eine SMS bekam, die lautete: „Wird bei euch zuhause auch mit Gas geheizt?“ Das sind Vorfälle, die man nicht verharmlosen darf. Lehrer fragen uns dann: „Wie spreche ich das an?“ Wir haben dazu eine Materialsammlung „Antisemitismus heute“ für Pädagoginnen und Pädagogen erstellt, die wir zur Verfügung stellen.

Hat sich etwas verändert?

Die Vorfälle nehmen zu. In Kassel wie anderswo trägt fast kein jüdischer Mann auf der Straße offen seine Kippa. Aus Angst vermeiden weit mehr als die Hälfte aller Juden, dass sie als solche erkannt werden. Es gibt nicht wenige Juden, die sich mit dem Gedanken tragen, Deutschland zu verlassen. Einige sitzen schon auf gepackten Koffern. Das war vor 20 Jahren in diesem Ausmaß noch kein Thema.

Das 2015 gegründete Sara-Nussbaum-Zentrum möchte, indem es jüdisches Leben und jüdische Geschichte in unserer Stadt widerspiegelt, einen Beitrag zur Bekämpfung von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit leisten. Wie machen Sie das?

Wir wollen Einblick in das moderne jüdische Leben geben. Wir stellen uns jeder Frage, wollen gesellschaftliche Debatten verzahnen. Wir arbeiten viel mit Schulen und Lehrern zusammen und wollen Diskussionen anregen. Wir freuen uns, wenn die Menschen zu uns kommen und das Gespräch suchen. Beim Israel-Day, den wir im vergangenen Jahr mit der deutsch-israelischen Gesellschaft gefeiert haben, kamen 500 Menschen.

Seit Neuestem gibt das Sara-Nussbaum-Zentrum eine Zeitschrift heraus. Was hat es damit auf sich?

Die Zeitschrift Haskala ist unser neuestes Projekt. Sie soll Einblick in die jüdische Welt verschaffen. Wir möchten möglichst viele Akteure in Kassel einbeziehen und lokale Bezüge herstellen. Zum Beispiel stellen wir in einem Artikel unseren interkulturellen Schüler-Workshop „Selam & Shalom“ vor. Die erste Ausgabe wurde vom Land Hessen gefördert. Man kann „Haskala“ bei uns auf der Website und per E-mail bestellen:

sara-nussbaum-zentrum.de

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