Verhandlung vor dem Landgericht

Anwalt schiebt’s auf Göker: Verfahren gegen einen Kasseler wird neu aufgerollt 

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Gewagter Vergleich: Der in die Türkei geflüchtete Ex-MEG Chef Mehmet Göker saß zumindest virtuell mit im Landgericht beim Verfahren gegen einen 32-jährigen Ex-Versicherungsmakler aus Kassel. 

Kassel. Mit einem gewagten Vergleich will ein Verteidiger die Lage seines Mandanten aus Kassel verbessern.

„Den Göker haben sie nicht bekommen, deshalb sitzt jetzt ein anderer hier. Das wird hochstilisiert.“ Mit diesem Vergleich mit dem früheren MEG-Chef Mehmet Göker versuchte der Verteidiger Roman von Alvensleben (Hameln) die Lage seines Mandanten zu verbessern. Der heute 32-jährige frühere Versicherungsmakler aus Kassel war im Dezember 2015 vom Amtsgericht zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden, weil er laut Gericht 17 fingierte Verträge für private Krankenversicherungen abgeschlossen und dafür über 70.000 Euro Provisionen kassiert hatte.

Gegen dieses Urteil hatte er Berufung eingelegt, so dass der Fall jetzt vor der 7. Strafkammer des Landgerichts neu aufgerollt werden muss.

Der Vergleich mit Mehmet Göker, der einen Millionenschaden angerichtet hatte, hinkt allein wegen der bewegten Summen, obwohl es auch Gemeinsamkeiten gibt: Beide sind Türken, beide lebten 2008, als nach Feststellung des Amtsgerichts in der Versicherungsbranche eine Art „Goldgräberstimmung“ herrschte, auf großem Fuß. So kutschierte der damals selbstständige 24-jährige Angeklagte mit einem Porsche durch Kassel. Göker freilich bevorzugte Ferraris.

Ziel der Berufung sei eine Bewährungsstrafe, so dass dem heute arbeitslosen dreifachen Vater die Haft erspart bleibe, erklärte Wahlverteidiger von Alvensleben und regte eine Verständigung mit der Staatsanwaltschaft an. Dafür freilich sah Ankläger Müller keine Grundlage: „Es gibt kein Geständnis und keine Widergutmachung des angerichteten Schadens von 70 843 Euro. Über was soll man sich da verständigen?“, sagte Müller.

Außerdem sei der Angeklagte bereits zwei Mal einschlägig vorbestraft, da sei eine Bewährungsstrafe „nicht drin“.

Auch Richter Reichhardt hatte auf die strafmildernde Wirkung eines Geständnisses verwiesen, war damit aber nicht zu dem Angeklagten durchgedrungen. Nach längerer Beratung mit seinen beiden Verteidigern gaben die keine Erklärung ab.

Damit muss das gesamte Verfahren neu aufgerollt, sollen 22 Zeugen gehört werden. Insgesamt 17 Mal hat der Angeklagte nach Überzeugung der 1. Instanz fingierte Verträge mit oft fehlerhaft eingetragenen persönlichen Daten seiner nichtsahnenden Mitarbeiter und türkischen Landsleuten geschlossen und behauptet, die gesetzliche Krankenversicherung sei gekündigt worden, sie seien jetzt privat versichert.

Als die Beitragszahlungen ausblieben, hatten die geprellten Versicherungen die gezahlten Provisionen von bis zu 7800 Euro pro Vertrag vergeblich zurückgefordert.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 26. Januar, um 9 Uhr in Saal E 218 fortgesetzt. Drei Verhandlungstage sind noch geplant.

Hintergrund: Was macht Mehmet Göker?

Mehmet Göker lebt in der Türkei - zwangsweise. Gegen ihn existiert noch immer ein internationaler Haftbefehl. Das heißt, würde er etwa deutschen Boden oder den eines EU-Landes betreten, würde der 37-Jährige verhaftet.

"Zombie-Filme helfen mir runterzukommen", verriet Göker vor kurzem im Gespräch mit unserer Zeitung. Hier lesen Sie das Gespräch in unserem neuen Online-Magazin HNA Sieben.

Gesucht wird Mehmet Göker wegen des Verdachts des Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen. Er hatte nach der Millionen-Pleite seiner Versicherungsvermittlung MEG Adressen von potenziellen Kunden mitgehen lassen, so lautet der Vorwurf. Diese Dateien stellen einen erheblichen Wert dar und gehören eigentlich in die Konkursmasse. Zurzeit macht Mehmet Göker weiter fleißig Geschäfte aus der Türkei heraus. Göker veranstaltet unter anderem Seminare, zu denen man in die Türkei reisen muss und bietet über das Internet so genannte „Verkäufer-Masterkurse“ an.

Vor kurzem schrieb Göker auf seiner Facebook-Seite, dass Kassel immer seine Heimstadt bleibe und er Kassel liebe. Etwa den Bergpark, den Buga-See, den er als türkischen Grillplatz bezeichnet, den Herkules, aber auch den Husarengrill. Nur werde die Stadt schlecht vermarktet, meint Göker.

Sein Fazit: „Ich habe mehr für die Bekanntheit der Stadt getan als die Tourismusbehörde in 50 Jahren.“ (tho)

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