Sechs Pendler erzählen

Anzahl stark gestiegen: 61.100 Arbeitnehmer pendeln nach Kassel

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Pendelt von Frankfurt am Main mit dem ICE nach Kassel: Jürgen Gasper, Richter am hessischen Verwaltungsgerichtshof. Der 56-Jährige ist überzeugter Bahnfahrer, hat kein Auto. 

Kassel. Laut einer Studie kommen 61.100 Menschen zum Arbeiten in die Stadt, seit dem Jahr 2000 ist die Anzahl um 13 Prozent gestiegen. Wir haben mit sechs Pendlern über ihre Erfahrungen gesprochen.

Die Zahl der Einpendler ist in der Stadt Kassel in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Waren es im Jahr 2000 noch 54 000 Menschen, die täglich mit Auto, Bus, Bahn und Rad nach Kassel fuhren, waren es 2015 schon 61 100. Ein Anstieg von 13 Prozent. Dies geht aus einer neuen Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hervor.

Nach diesen Zahlen hat der Großteil der 105 000 Menschen, die in Kassel ihrem Job nachgehen, seinen Wohnsitz im Umland. Aktuell sind dies 58 Prozent. Wobei der Anstieg der Einpendler in der nordhessischen Großstadt nicht auf eine erhöhte Mobilität der Arbeitnehmer, sondern auf die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt zurückzuführen ist. So ist der Anteil der Einpendler seit dem Jahr 2000 nicht gestiegen, sehr wohl aber die absolute Zahl.

Die größten Pendlerströme kommen aus den Städten Vellmar und Baunatal, aus denen jeweils 3700 Einwohner zum Arbeiten nach Kassel fahren. Dahinter folgen die Bewohner von Lohfelden, Fuldatal, Niestetal und Kaufungen.

Aber auch aus vielen Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis, dem Werra-Meißner-Kreis, Göttingen und sogar dem benachbarten Nordrhein-Westfalen kommen jeweils mehrere Hundert zum Geldverdienen nach Kassel. Verglichen mit anderen deutschen Großstädten habe sich Kassel gut behauptet, sagt ein Sprecher des BBSR mit. Einige kleinere Großstädte hätten im Untersuchungszeitraum auch Arbeitsplätze verloren.

Ähnlich große Städte mit um die 200 000 Einwohner haben häufig weniger Einpendler als Kassel. In Erfurt sind es 47 000, in Lübeck 39 000 und in Magdeburg 44 000. Bei der Zahl der Einpendler liegt Kassel in der Untersuchung insgesamt auf Platz 31. Zum Vergleich: Bei der Einwohnerzahl landet Kassel nur auf Platz 40.

Die Zahl der Auspendler ist nicht Bestandteil der Studie. Nach Zahlen der Stadt sind es 24 000.

Woher kommen die Einpendler?

• Vellmar: 3660 • Baunatal: 3660 • Lohfelden: 2620 • Fuldatal: 2320 • Niestetal: 2310 • Kaufungen: 2270 • Ahnatal: 1610 • Fuldabrück: 1530 • Schauenburg: 1530 • Staufenberg: 1360 • Calden: 1280 • Wolfhagen: 1190 • Hofgeismar: 1160 • Immenhausen: 990 • Edermünde: 930 • Hess. Lichtenau: 930 • Espenau: 930 • Zierenberg: 920 • Hann. Münden: 900 • Gudensberg: 900 • Habichtswald: 880 • Felsberg: 840 • Söhrewald: 820 • Helsa: 800 • Fritzlar: 740 • Melsungen: 720 • Grebenstein: 720 • Witzenhausen: 680 • Guxhagen: 670 • Bad Emstal: 600 • Göttingen: 600 • Niedenstein: 540 • Großalmerode: 540 • Borken: 480

Sechs Pendler sprechen über ihre Erfahrungen

Sie wohnen außerhalb Kassels, arbeiten aber in der Stadt: die Pendler, deren Zahl zuletzt enorm gestiegen ist, wie eine Studie nun hervorgebracht hat. Wer aber sind die Pendler? Woher und womit kommen sie nach Kassel? Wir haben sechs von ihnen befragt – bekannte und weniger bekannte Menschen. Alle sprechen dabei über die Vor- und Nachteile ihrer mitunter jahrelangen Fahrerei mit Rad, Zug oder Auto. Und sie erzählen darüber hinaus, dass ihr Weg zur Arbeit keine Zeitverschwendung ist. Langeweile kommt zumindest nicht auf.

Jürgen Gasper: Im Zug Akten und Zeitungen lesen

Jürgen Gasper

Name: Jürgen Gasper 

Alter: 56
Beruf: Richter am hessischen Verwaltungsgerichtshof
Arbeitsstätte:Kassel
Wohnort: Frankfurt am Main im Bezirk Nordend
Distanz (einfache Strecke): 200 Kilometer
Fahrzeit: Zwei Stunden
Fortbewegungsmittel: Bahn, in Frankfurt U-Bahn, in Kassel Straßenbahn. „Ich habe kein Auto“, sagt Gasper
Pendelhäufigkeit: Zwei Mal pro Woche. „Dienstag bis Donnerstag bin ich in Kassel, habe hier ein kleines Apartment. Zwei Tage arbeite ich in Frankfurt in meinem Home-Office.“
Pendelgeschichte: Seit August 2016. Vorher war Gasper am Verwaltungsgericht Darmstadt tätig und pendelte ebenfalls mit der Bahn.
Beschäftigung während der Fahrt: „Wenn es genügend Platz und Ruhe gibt im Zug, lese ich Akten, ansonsten Zeitungen.“
Vorteile der Pendelei: „Man erlebt zwei Städte, aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich nicht pendeln.“
Nachteile der Pendelei: „Bahnfahren kann auch stressig sein, durch volle Züge oder Unpünktlichkeit. Einmal saß ich in einem ICE, der sich verfahren hatte.“ (ach)

Tobias Cramer: Nachteil Umwelt

Name:Tobias Cramer
Alter: 42
Beruf:Fußballtrainer
Arbeitsstätte: Kassel, Auestadion, KSV Hessen
Wohnort:Willingen
Distanz:82 Kilometer
Fahrzeit: 75 Minuten
Fortbewegungsmittel: Auto
Pendelhäufigkeit: Fünf bis sieben Mal in der Woche
Pendelgeschichte: Seit drei Jahren
Beschäftigung während der Fahrt: „Ich arbeite viel, indem ich viele Dinge telefonisch erledige – mit der Freisprechanlage natürlich.“
Vorteile der Pendelei: „Neben dem beruflichen Aspekt gibt es einen mentalen: Wenn ich abends zu Hause ankomme, habe ich im wahrsten Sinne des Wortes alles verarbeitet und kann sofort abschalten.“
Nachteile der Pendelei: „Dass ich nie verschlafen darf, sonst wird es eng. Ansonsten leidet natürlich die Umwelt.“ (hag)

Manuel Garcia Serano: Sport auf dem Weg

Mit dem Rad an die Uni: Manuel Garcia Serano.

Name:Dr. Manuel García Serrano
Alter:56
Beruf: Lektor und Privatdozent für Spanisch an der Uni Kassel
Arbeitsstätte: Campus Holländischer Platz
Wohnort:Kaufungen
Distanz: 14 km
Fahrzeit: 30 Minuten
Fortbewegungsmittel: Fahrrad
Pendelhäufigkeit: Vier bis fünfmal pro Woche
Pendelgeschichte:Seit 15 Jahren
Beschäftigung während der Fahrt: „Ich bereite mich gedanklich auf den Unterricht und die Arbeit vor.“
Vorteile der Pendelei: „Fahrradfahren macht mir Spaß, und durch den Weg zur Arbeit und zurück mache ich jeden Tag schon eine Stunde Sport.“
Nachteile der Pendelei: „Leider gibt es eine hartnäckige Minderheit von Autofahrern, die Radfahrer bei ihrem Fahrstil nicht berücksichtigen. Dadurch hatte ich schon ein paar kleinere Unfälle.“ (chr)

Walter Lübcke: Sitzungen vorbereiten

Fährt täglich von Istha nach Kassel: Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke.

Name: Dr. Walter Lübcke
Alter: 63
Beruf:Regierungspräsident
Arbeitsstätte: Regierungspräsidium Kassel
Wohnort: Istha, Stadtteil von Wolfhagen
Distanz:28 Kilometer
Fahrzeit: 30 Minuten
Fortbewegungsmittel: Dienst- oder Privatfahrzeug, meistens wird er von einem Chauffeur gefahren
Pendelhäufigkeit: Lübcke fährt täglich nach Kassel
Pendelgeschichte: Pendelt als Regierungspräsident seit acht Jahren.
Beschäftigung während der Fahrt:„Arbeiten – also Akten lesen, telefonieren, Sitzungen vorbereiten.“
Vor- oder Nachteile der Pendelei: „Das ist schwer zu sagen, weil ich es nicht anders kenne.“ (jop)

Michael Frecke: Entspannen im Zug

Michael Fecke

Name: Michael Fecke
Alter: 65
Beruf: Buchhändler
Arbeitsstätte: Kassels City, Thalia-Buchhandlung
Wohnort: Göttingen
Distanz: 60 Kilometer
Zeitaufwand: „Von Tür zu Tür bin ich eine Stunde unterwegs.“ Fortbewegungsmittel: ICE, Tram und Fahrrad
Pendelhäufigkeit: An Werktagen täglich
Pendelgeschichte: Seit 1976
Beschäftigung während der Fahrt: „Morgens lese ich viel, vor allem die Tageszeitung, am Abend nutze ich die Fahrt, um abzuschalten und zu entspannen. Das wäre beim Autofahren unmöglich.“
Vorteil: „Ich komme ausgeruht zur Arbeit.“
Nachteil: „Im Winter lässt die Aufenthaltsqualität auf dem IC-Bahnhof sehr zu wünschen übrig. (chr)

Birgit Kuchenreiter: Vom Job losgelöst

Birgit Kuchenreiter

Name:Birgit Kuchenreiter 

Alter:55
Beruf: Pressesprecherin
Arbeitsstätte: Kassel Marketing, Obere Königsstraße
Wohnort: Warburg
Distanz:40 Kilometer
Fahrzeit:55 Minuten
Fortbewegungsmittel: Auto
Pendelhäufigkeit:Fünf bis sechs Mal pro Woche
Pendelgeschichte: Seit 17 Jahren
Beschäftigung während der Fahrt: „Radio hören, sich morgens auf den Arbeitstag einstimmen und auf der Rückfahrt abschalten.“
Vorteile der Pendelei: „Wenn man nicht dort arbeitet, wo man wohnt, hat man ein Privatleben, das völlig vom Job losgelöst ist.“
Nachteile der Pendelei:„Je nach Uhrzeit und je nach aktueller Baustellensituation sind die Fahrzeiten leider nicht immer gleich gut berechenbar.“ (asz)

Stadt: Platz für Pendler schaffen

Kassel. Die Stadt Kassel als einzige Großstadt in Nordhessen wirkt wie ein Jobmagnet mit großer Reichweite. Viele Firmen haben hier ihren Sitz. In der Konsequenz ist Kassel vom Pendlerverkehr stärker betroffen als manch andere Großstadt. Nach einer städtischen Analyse machen die Pendler 40 Prozent des gesamten Verkehrs in der Stadt aus.

Obwohl Städte wie Wuppertal (350 000 Einwohner), Kiel (240 000), Aachen (240 000) und Braunschweig (250 000) deutlich größer sind als Kassel, werden hier weniger Pendler gezählt. Die Städte, die kleiner sind als Kassel, aber mehr Einpendler haben, lassen sich an einer Hand abzählen: die VW-Stadt Wolfsburg, die Boom-Stadt Regensburg, die Grenz-Stadt Saarbrücken, Darmstadt und Ludwigshafen am Rhein.

Um dem Pendleraufkommen Rechnung zu tragen, setzt die Stadt auf die Förderung des innerstädtischen Rad- und Fußverkehrs sowie den ÖPNV. „Dies vergrößert dann die Reserven für nachvollziehbare und manchmal unvermeidliche Pkw-Fahrten durch Pendler aus dem Umland“, teilt ein Stadtsprecher auf HNA-Anfrage mit.

Die bestehenden Angebote für Radler, die aus dem Umland regelmäßig nach Kassel zur Arbeit kommen, sollen auch weiter verbessert werden, heißt es aus dem Rathaus. Entsprechende Konzepte und Vorplanungen seien bei der Stadt und beim Zweckverband Raum Kassel in Arbeit.

„Wachsende Pendlerströme ins Oberzentrum Kassel werden voraussichtlich nur noch für wenige Jahre zu beobachten sein. Sobald der Bevölkerungsrückgang etwa ab 2026 insbesondere im ländlichen Raum zu greifen beginnt, wird auch die Verkehrsbelastung weniger“, so der Sprecher.

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