Gebrauchte Spritze: Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft

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Hier ereignete sich der Vorfall: In einem Vernehmungszimmer des Polizeireviers Ost in Bettenhausen griff der vierjährige Junge aus Kaufungen in die benutzte Kanüle der Einwegspritze.

Kassel / Kaufungen. Für den beteiligten Beamten des Reviers Kassel-Ost hat der Zwischenfall mit der Spritze möglicherweise ein juristisches Nachspiel.

Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, wird gegen den Polizisten wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung ermittelt. Außerdem laufen dienstrechtliche Ermittlungen.

Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch sagte am Montag auf HNA-Anfrage, bei dem Behälter mit den benutzten Spritzen habe es sich um ein „zugelassenes Gefäß“ gehandelt, das auch in Arztpraxen eingesetzt werde. Die Spritzen würden regelmäßig und ordnungsgemäß entsorgt. Nach dem Vorfall soll der Behälter nun aus dem Regal verbannt werden. „Er wird künftig unter Verschluss gehalten“, versicherte Jungnitsch.

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Bei der Polizei ist man sich darüber im Klaren, dass der Fall des Vierjährigen ernst ist: Gleich drei hochrangige Beamte hat Behördenchef Eckhard Sauer abgestellt, um die Familie aus Kaufungen zu unterstützen. Sie sollen ihr helfen, „die leider noch eine Weile andauernde Zeit der Ungewissheit zu überstehen“, heißt es in dem persönlichen Brief des Polizeipräsidenten an die Eltern. Für die junge Familie ist die Situation extrem belastend. In dieser Woche soll sie psychologische Hilfe durch das Traumazentrum Kassel erhalten.

HIV-Risiko gering

Medizinisch kann man im Augenblick für den Vierjährigen wenig tun. Eine Infektion mit HIV ist frühestens nach drei Monaten nachzuweisen, bei Hepatitis B und C muss man zwei bis vier Monate warten.

„Im Vordergrund steht die Hoffnung, dass dem Jungen nichts passiert ist“, sagte Rechtsanwalt Christopher Posch, der die Familie vertritt. Er werde sich zunächst mit der Polizei ins Benehmen setzen, um die Situation zu erörtern.

Am Tag nach dem Zwischenfall mit der Spritze wurde der Junge in der Kinderklinik des Klinikums Kassel untersucht. Eine Postexpositions-Prophylaxe gegen HIV lehnte die Mutter aus Angst vor den möglichen schweren Nebenwirkungen ab.

Bei der Prophylaxe handelt es sich um eine medizinische Behandlung nach einem möglichen Kontakt mit Erregern einer Infektionserkrankung. Ziel ist es, deren Ausbruch zu verhindern oder den Verlauf der Infektion zumindest abzumildern. Die Prophylaxe ist für Erwachsene ab 18 Jahren zugelassen.

Nach Einschätzung des Gesundheitsamts ist die Gefahr, dass sich der Junge wirklich angesteckt hat, gering. Die Erfahrung aus Krankenhäusern zeige, dass sich bei Nadelstichverletzungen nur jeder 300.

Betroffene wirklich mit HIV infiziere, sagte Ingrid Strotmann, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen, auf Nachfrage. Bei Hepatitis liege die Wahrscheinlichkeit bei einem Drittel. Außerdem sei Blut nach mehreren Stunden nicht mehr infektiös. „Je länger eine Nadel herumliegt, desto weniger ist das Blut ansteckend“, sagte die Ärztin.

Von Peter Ketteritzsch und Holger Schindler

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