Allein dieses Jahr haben zwei Apotheken geschlossen

Immer weniger Apotheken: So schwer kommen Patienten sonntags an Medikamente

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Notdienst der Apotheken wechselt: In Kassel sind für das Jahr 2019 derzeit 23 Notdienstgruppen mit je drei Apotheken (davon zwei im Stadtgebiet Kassel) zur Dienstbereitschaft eingeteilt.

In Kassel gibt es immer weniger Apotheken. Welche Folgen das gerade für ältere Patienten haben kann, hat nun ein 79-Jähriger erfahren müssen, der ratlos durch die Stadt irrte. 

Wegen einer Erkrankung lässt sich Georg Engels am vergangenen Sonntag beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst an der Wilhelmshöher Allee behandeln. Er bekommt ein Rezept, das er in einer Notdienst-Apotheke einlösen will. Über zwei Stunden ist der 79-Jährige unter Schmerzen mit Bus und Bahn unterwegs, um das Medikament zu bekommen. „Ich war früh am Morgen beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst“, sagt Engels. Dort habe man ihm gesagt, dass zwei Apotheken dienstbereit seien. Als Engels in der Friedrich-Ebert-Straße ankam, war die genannte Apotheke geschlossen. Der Grund: Die diensthabenden Apotheken wechseln um 8.30 Uhr. Die Auskunft des Bereitschaftsdienstes müsse sich mit dem Wechsel überschnitten haben, vermutet Engels im Nachhinein.

Er sei dann wieder nach Hause gefahren, um im Internet zu recherchieren, welche Apotheke geöffnet habe. Er habe auch noch mal unter der Notfallnummer 116 117 angerufen. Die Auskunft dort: Dienst hat eine Apotheke in der Görlitzer Straße in Waldau – die einzige im Stadtgebiet. Außerdem noch eine Apotheke in Fuldatal. „Also habe ich mich auf den Weg nach Waldau gemacht“, schildert Engels.

Auf dem Weg zur Tramhaltestelle in Wilhelmshöhe sei er an einer Apotheke vorbeigekommen und habe dort noch mal auf die Anzeige geschaut, dort stand ebenfalls die Apotheke in Waldau – außerdem die Adler-Apotheke in der Wilhelmsstraße. „Ich war erleichtert, weil die Innenstadt mit der Tram einfacher zu erreichen ist als Waldau“, sagt Engels. Am Rathaus angekommen, steigt der 79-Jährige aus der Bahn und läuft die Wilhelmsstraße hoch bis zur Adler-Apotheke. Dort die Ernüchterung. Auf den abgeklebten Schaufenstern ist zu lesen, dass die Apotheke seit einigen Monaten geschlossen ist.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Eine Erklärung, warum die Apotheke noch in den Notdienst-Aushängen der Apotheke auftaucht, hat Engels nicht. Von der Apothekerkammer heißt es, dass aufgrund der Schließung der Adler-Apotheke nur zwei Apotheken an diesem Sonntag Notdienst gehabt hätten. Das sei auch auf der Homepage der Kammer so verzeichnet gewesen. Die Auszeichnung der Notdienste liege bei den Apotheken vor Ort. Hier könne es vorkommen, dass man nicht auf dem aktuellsten Stand gewesen sei.

Georg Engels fragt in der Oberen Königsstraße einen Mitarbeiter der KVG, wie er am besten in die Görlitzer Straße nach Waldau komme. Mit der Linie 8 zum Leipziger Platz und dort in die Buslinie 10, sagt man ihm. „Zum Glück kam dann gleich eine Bahn, mit der ich nach einer knappen Viertelstunde Fahrzeit den Leipziger Platz erreichte“, sagt Engels.

Auch den Anschlussbus habe er direkt bekommen. Insgesamt sei er aber zwei Stunden unterwegs gewesen, um das Rezept einzulösen. Eigentlich ein „Unding“, findet Engels. Gerade für ältere Menschen sei es ein großes Problem, wenn die diensthabende Apotheke nicht in zentraler Lage liege.

Apotheken: Das müssen Patienten wissen

In Kassel gibt es immer weniger Apotheken. Allein in diesem Jahr haben zwei Apotheken geschlossen. Bei beiden ist der Grund, dass sich für die langjährigen Betriebe kein Nachfolger gefunden hat.

Welche Apotheken wurden zuletzt geschlossen?

2018 haben die Adler-Apotheke an der Wilhelmsstraße und die Doc-Morris-Apotheke an der Ludwig-Mond-Straße geschlossen. 2017 wurden die Fasanenhof- und die Philippinenhof-Apotheke geschlossen, 2016 die Paracelsus-Apotheke an der Wilhelmshöher Allee und die Apotheke am Königsplatz, 2015 stellten die Rosenapotheke in Vellmar und die Erika-Apotheke an der Holländischen Straße ihren Betrieb ein. Neu eröffnet hat in dieser Zeit nur die Regenbogen-Apotheke in Vellmar.

Wie ist außerhalb der Öffnungszeiten die Dienstbereitschaft geregelt?

Gemäß Paragraf 23 Apothekenbetriebsordnung werden benachbarte Gemeinden oder Ortsteile zu einem Notdienstkreis zusammengefasst. Das bedeutet, dass die in diesem Kreis liegenden Apotheken wechselseitig zum Notdienst eingeteilt werden.

Wie viele Apotheken sind in einer Notdienstgruppe?

In Kassel sind für das Jahr 2019 derzeit 23 Notdienstgruppen mit je drei Apotheken (davon zwei im Stadtgebiet Kassel) zur Dienstbereitschaft eingeteilt. Die Apotheken haben somit alle 23 Tage Notdienst. In der einzigen geplanten Zweier-Gruppe liegt die Apotheke, die im Stadtgebiet Kassel ihren Dienst versieht, im Stadtteil Harleshausen und die dazugehörige Partnerapotheke in der Nachbargemeinde Niestetal.

Für welchen Zeitraum wird der Bereitschaftskalender erstellt?

In der Regel geschieht dies durch einen regelmäßigen, täglich wechselnden Turnus. Dieser Kalender wird in Zusammenarbeit mit den Apotheken vor Ort am Ende des Jahres für das nächste Jahr erstellt. Unter dem Jahr unterliegt dieser Kalender durch Schließungen und Eröffnungen einzelner Apotheken durchaus Veränderungen.

Wird bei der Vergabe der Notdienste auf eine gleichmäßige Verteilung geachtet?

Bei der Zusammensetzung der Gruppen wird versucht, eine möglichst gleichmäßige Verteilung über das Stadtgebiet zu erreichen, damit die Patienten nicht zu weite Wege in Kauf nehmen müssen.

Welche Entfernung ist einem Patienten zuzumuten?

Bei der Planung werden die Entfernungen in Straßenkilometern berechnet, auf die Besonderheiten der Fahrpläne im öffentlichen Nahverkehr kann nicht im Einzelnen eingegangen werden. Grundsätzlich kann dem Patienten eine Entfernung bis zu 20 Kilometer zugemutet werden.

Zum Thema: Diskussion um Namen: Mohren-Apotheke in Kassel bleibt Mohren-Apotheke

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