Kasseler erfinden Vorrichtung

Eine App gegen Tramunfälle: Erfindung soll Träger von Kopfhörern warnen

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Tödlicher Unfall: Im März 2012 lief ein 15-jähriger Schüler, der Kopfhörer trug, auf der Holländischen Straße vor eine Straßenbahn.

Einen Moment nicht aufgepasst, Musik zu laut und schon geschieht das Unglück. Gerade bei Trams passieren immer wieder Unfälle. Eine App soll dies nun verhindern.

Es ist erst wieder am 22. Juli in Kassel passiert: Ein 18-jähriger Fußgänger verletzte sich bei dem Versuch, eine einfahrende Straßenbahn am Katzensprung zu erreichen. Der Jugendliche trug Kopfhörer in den Ohren, die möglicherweise seine Achtsamkeit beeinträchtigten. Der Jugendliche wurde zum Glück nur verletzt. Es gab aber schon tödliche Unfälle, weil die Opfer mit Kopfhörern akustisch abgelenkt waren.

Solch ein tödlicher Unfall passierte zum Beispiel im März 2012 auf der Holländischen Straße. Ein 15-Jähriger war morgens von einer Tram der Linie 1 angefahren worden. Der Jugendliche hatte nach Angaben von Zeugen über Kopfhörer Musik gehört und die Bahn offenbar weder gesehen noch gehört.

Damals hatte Oberstaatsanwalt Dieter Wallbaum Bereitschaftsdienst. Wegen des tödlichen Unfalls habe er die Holländische Straße absperren müssen.

Den Juristen trieb seitdem auch die Frage um, wie man solche Unfälle künftig verhindern kann. Dass Kinder und Jugendliche im Straßenverkehr auf Kopfhörer verzichten, hält der mittlerweile 70-Jährige für „völlig realitätsfremd“.

Dieter Wallbaum, Oberstaatsanwalt a.D. und Erfinder

Und so setzte sich Wallbaum, der seit fünf Jahren im Ruhestrand ist, mit drei Freunden, einem Techniker, einem Computerexperten und einem Kaufmann, zusammen, um ein Gerät zu entwickeln, das solche Unfälle künftig verhindern soll. Dafür haben sie die Bussard GmbH gegründet, deren Geschäftsführer Wallbaum ist. Warum Bussard? Dieser Greifvogel gilt als Wächter, Späher und Bote zugleich, ist also besonders wachsam.

Die Männer entwickelten eine Vorrichtung, die in Straßenbahnen, U-Bahnen oder Oberleitungsbussen angebracht werden soll. An der Vorrichtung soll ein Sender zum Aufbau eines lokalen Funknetzes angebracht werden, der alle Fußgänger und Radfahrer in der Nähe von schienen- beziehungsweise energetisch gebundenen Fahrzeugen warnt. Die Verkehrsteilnehmer benötigten nur eine App auf ihrem Handy, auf der die Warnung dann eingeht. Entweder könne die Musik unterbrochen werden oder das Handy vibrieren. Das sei auch für Radfahrer geeignet, die einen Helm tragen.

Die Entwicklung dieser Erfindung habe ein Jahr gedauert, sagt Wallbaum. Weitere fünf Jahre seien ins Land gegangen, um die Bussard-Vorrichtung zu patentieren. Im Oktober 2018 gab es eine entsprechende Urkunde vom Deutschen Patent- und Markenamt in München.

Allerdings sind die Erfinder immer noch auf der Suche nach Abnehmern. 2014 habe man die Erfindung bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) vorgestellt. „Die Techniker dort waren davon begeistert“, sagt Wallbaum. Er habe später aber nichts mehr von der KVG gehört. Die KVG habe Wallbaum eine Rückmeldung gegeben, sagt hingegen KVG-Sprecherin Heidi Hamdad. Man habe sich gegen das Produkt entschieden, vor allem weil die KVG erhebliche Sicherheitsbedenken gehabt habe. „Eine Verwendung wäre grundsätzlich ohne ausführliche Tests nicht in Frage gekommen.“

Wallbaum geht indes davon aus, dass den defizitär arbeitenden Verkehrsbetrieben die Erfindung zu teuer ist. Dabei würde solch eine Vorrichtung pro Bahn nur um die 1000 Euro kosten. Er versichert, dass er und seine Erfinder-Freunde mit Bussard nichts verdienen wollen. „Uns geht es nicht um wirtschaftlichen Erfolg, sondern um Sicherheit im Straßenverkehr.“

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