Alkoholfreie Gaststätte 

Aqua Pub in Kassel: Hier finden Abhängige Zuflucht und Hilfe 

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Fanden Zuflucht im Aqua Pub: (von links) Petra Laudenbach-Wöckel und Tsekyi Thür bei einer Tasse Tee und einem Glas Cola im Aqua Pub in Niederzwehren.

Die alkoholfreie Kneipe Aqua Pub in Kassel ist für viele Abhängige ein Ort für Selbsthilfe. Zwei Betroffene erzählen ihre Geschichten. 

Gemütlich ist es im Aqua Pub. Die Gaststätte befindet sich in einem hübschen Fachwerkhaus in der Frankfurter Straße. Urige Tischgruppen laden zum Verweilen bei einem Getränk ein. Von Limonade über Kaffee bis Tee werden hier allemöglichen Getränke angeboten. Nur Alkohol gibt es nicht. 

Das Aqua Pub wurde vom Verein Freundeskreis 1981 für Suchtkrankenhilfe eingerichtet – damit sich ein Kneipenbesuch für Alkoholkranke nicht als Falle entpuppt. Laut Verein ist das Aqua Pub Deutschlands erste alkoholfreie Gaststätte.

Jeden Tag von Dienstag bis Freitag treffen sich in den Räumen des vereinseigenen Fachwerkhauses Menschen mit Suchtproblemen und deren Angehörige. „Neue sind immer willkommen“, sagt Torsten Scholz, Referent des Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe. Auch für alle Suchtformen sei man offen.

Als Teenager regelmäßig Alkohol getrunken 

„Ich bin froh, dass es das Aqua Pub gibt“, sagt die Kasselerin Tsekyi Thür. „Ohne wäre ich heute nicht trocken.“ Schon als Teenager habe Thür regelmäßig Alkohol konsumiert, zum ersten Mal betrunken sei sie mit 15 Jahren gewesen, erzählt die heute 41-Jährige. Zunächst trank sie nur an Wochenenden, später täglich – bis zu einer Flasche Jägermeister am Tag.

 „Ich wusste, ich sollte nicht trinken“, sagt Thür. „Und ich wusste, dass meine Leber das nicht ewig mitmachen wird.“ Thür trank trotzdem. Erst als sie die Folgen eines Entzugs zu spüren bekam, wusste sie, dass sich etwas ändern muss. Thür suchte sich Hilfe und landete im Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe. Seit 2005 ist Thür nun trocken. „Der Gedanke, einfach loszugehen und etwas zu trinken, kam trotzdem immer wieder“, sagt Thür. Immer habe sie das Aqua Pub besucht.

Auch Petra Laudenbach-Wöckel sagt, das Aqua Pub und die Menschen in den Gruppen hätten sie während ihres Entzugs gerettet. „Ich wurde nie unter Druck gesetzt“, sagt die 56-Jährige. Sogar als sie angetrunken erschien, habe niemand sie rausgeworfen. Für einen Besuch sei Abstinenz keine Voraussetzung.

Absprung vom Alkohol ist gelungen 

Ähnlich wie Tsekyi Thür begann Laudenbach-Wöckel schon als Teenager mit dem Trinken. Erst an Wochenenden auf Partys. Die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum habe sie da aber noch nicht verloren. Auch nicht in den nächsten Jahren. Und auch nicht, als sie schwanger war. „Da war ich absolut trocken“, sagt Laudenbach-Wöckel. Erst nach der Geburt ihrer Tochter trank Laudenbach-Wöckel immer mehr und immer öfter, irgendwann morgens, mittags und abends.

„Irgendwann sagte meine Mutter: Jetzt ist Schluss“, erinnert sich Laudenbach-Wöckel. Auch wenn das erste Jahr eher von Trinkpausen als von einem richtigen Entzug geprägt gewesen sei, wie Laudenbach-Wöckel sagt, sei ihr der Absprung vom Alkohol gelungen. Seit 1995 ist sie trocken – gerechnet ab dem Datum, als sie aus der Klinik wieder nach Hause entlassen wurde. „Das ist der Knackpunkt: Die harte Zeit beginnt, wenn man wieder ins normale Leben zurückkehrt“, sagt Laudenbach-Wöckel. Sie zu überstehen, dabei habe ihr das Aqua Pub geholfen. 

Hilfe und Beratung für Suchtkranke

  • Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe Kassel, Frankfurter Str. 314, Tel. 05 61/45 769
  • Diakonisches Werk Kassel, Frankfurter Straße 78a. Tel. 05 61/93 89 50
  • Drogenhilfe Nordhessen, Schillerstraße 2, Tel. 05 61/10 36 41 
  • Blaues Kreuz Kassel, Landgraf-Karl-Straße 26, Tel. 05 61/207 55 88 36

DAK-Gesundheit unterstützt Freundeskreis

Tsekyi Thür und Petra Laudenbach-Wöckel haben mithilfe des Vereins und des Aqua Pubs nicht nur ihre Suchterkrankung in den Griff bekommen, auch neue Aufgaben haben sie in der Einrichtung gefunden. Beide sind Gruppenbegleiter. Thür betreut etwa eine Gruppe von Frauen mit Suchterkrankungen und posttraumatischen Belastungsstörungen. „So kann ich viel von meiner Lebenserfahrung weitergeben. Das gibt enorm Auftrieb“, sagt sie. 

„Gruppenbegleiter helfen beim Gelingen der Selbsthilfe“, sagt Suchtreferent Torsten Scholz. Die Mitglieder wählen an jedem Abend einen Gruppenbegleiter. Die Rolle rotiere, damit die Verantwortlichen ihre eigenen Probleme nicht vergessen. Weil die Kasseler DAK-Gesundheit den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe in Kassel mit 12 000 Euro unterstützt, kann ein Projekt zur bundesweiten Ausbildung für Gruppenbegleiter gefördert werden. 

„Zum Gesundwerden und Gesundbleiben ist der Erfahrungsaustausch untereinander sehr wichtig“, sagt Andreas Kohlrautz, Chef der DAK-Gesundheit in Kassel. „Für uns ist die Förderung der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe mehr als nur eine gesetzliche Aufgabe.“

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