Interview mit Prof. Kerstin Jürgens über den Erhalt von Leistungs- und Lebenskraft von Beschäftigten

Der Arbeit Grenzen setzen

Überfordert, erschöpft, ausgebrannt: Soziologen der Uni Kassel untersuchen, wie man Burn-out entgegenwirken kann. Foto: Picture Alliance

Kassel. Immer mehr Menschen leiden an Burn-out, innerer Erschöpfung. Bei einer bereits ausgebuchten Tagung der Uni Kassel in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung am 18./19. Oktober geht es um die Frage, wie die Arbeits- und Lebenskraft von Beschäftigten erhalten werden kann.

Wir sprachen mit der Kasseler Soziologie-Professorin Kerstin Jürgens, Organisatorin der Tagung, bei der sie auch eigene Forschungsergebnisse vorstellt.

Ist ein Arbeitnehmer, der sein Leben lang gesund und leistungsfähig bleibt, heute die Ausnahme?

Prof. Kerstin Jürgens: Das glaube ich nicht, aber die Zahlen sind alarmierend. Burn-out ist ein Thema, das die Medien gern aufgreifen. Gleichwohl ist es nicht nur ein Modethema. Die Arbeitswelt hat sich grundlegend verändert. Aber das ist es nicht allein: Auch der Abbau sozialstaatlicher Absicherung und die weniger verlässlich gewordenen Beziehungen im Privaten lösen Sorgen und Ängste bei vielen Menschen aus. Wenn diese ehemals sicheren Pfeiler wegfallen und dann noch steigender Druck in der Erwerbsarbeit hinzukommt, ist nicht verwunderlich, dass Menschen den Belastungen nicht mehr standhalten.

Ist Burn-out eine Krankheit unserer Zeit oder gab es das auch früher schon?

Jürgens: Es ist eine neue Bezeichnung für das Phänomen, dass Menschen überfordert sind und ihr Leben nicht mehr wie gewohnt gestalten können. Auch früher sind Menschen von der Arbeit krank geworden – in den Anfängen der Industrialisierung sind viele an den physischen Arbeitsbelastungen förmlich zerbrochen.

Und heute sind es eher psychische Belastungen?

Jürgens: Richtig. Körperliche Belastungen, etwa im Büro das lange Sitzen oder auf dem Bau die anstrengende Arbeit, bleiben problematisch, aber die Beschäftigten bekommen vermehrt auch den Marktdruck zu spüren. Wenn etwa eine Abteilung die Vorgaben der Unternehmensleitung nicht erfüllt, kann die Konsequenz sein, dass die Arbeit fremdvergeben, also outgesourct, wird. Auch innerhalb von Unternehmen wird häufig Druck aufgebaut: Zwei Standorte können sich um einen Auftrag bewerben, und nur der bessere bekommt den Zuschlag.

Nimmt auch der Konkurrenzdruck zwischen Kollegen zu?

Jürgens: Das ist oftmals so. Der Einzelne weiß, dass er eine hohe Leistung erbringen muss, sonst riskiert er im Extremfall den Arbeitsplatz. Viele Beschäftigte wollen gute Arbeit abliefern, haben aber das Gefühl, dass ihre Leistung nicht reicht. Es gilt zunehmend das Prinzip dauernder Verbesserung: Immer mehr, immer effizienter, immer schneller.

Was kann dazu beitragen, dass Menschen gesund und leistungsfähig bei der Arbeit bleiben?

Jürgens: Die Beschäftigten, mit denen wir in unserer Studie gesprochen haben, hatten alle etwas, das sie stabilisiert. Das kann eine hohe Arbeitszufriedenheit sein, aber auch etwas außerhalb der Arbeit: Familie, ein Hobby, die Arbeit an Haus und Garten. Manchmal banale Dinge, die aber für den Einzelnen sehr bedeutsam sind. Wichtig ist, dass Arbeitgeber den Beschäftigten Raum für diesen Ausgleich geben. Das ist nicht nur zeitlich gemeint. Auch nach einem Acht-Stunden-Tag kann die Call-Center-Mitarbeiterin so fix und fertig sein, dass sie nicht mehr sprechen mag, obwohl sie weiß, dass ihr der Austausch mit Freunden guttut.

Was sollten Arbeitgeber beachten?

Jürgens: Maßstab von Arbeitsabläufen sollte sein, dass die Anforderungen so gestaltet sind, dass man die Arbeit über Jahrzehnte hinweg ausführen kann. Das Problem ist häufig, dass Beschäftigte als ersetzbar und Veränderungen der Arbeitsbedingungen als lästiger Kostenfaktor wahrgenommen werden. Es ist aber sehr wichtig, dass Mitarbeiter Anerkennung und Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren. Sei es über ein angemessenes Einkommen, eine Entfristung der Stelle, Lob oder Entwicklungsperspektiven im Unternehmen. Minijobs, Leiharbeit, Zeitverträge - all das sorgt für Verunsicherung bei den Beschäftigten und ist auch eine Form von Missachtung durch den Arbeitgeber.

Was kann jeder selbst tun, um eine Krise zu verhindern?

Jürgens: Wichtig ist vor allem ein Gespür dafür, was man schaffen kann und wann man eine Grenze ziehen muss. Aber man sollte sich aus Angst vor Burn-out nicht zu sehr unter Druck setzen und in Aktionismus verfallen: Ich muss mich richtig erholen, ich muss mich gut ernähren, ich muss genug schlafen, ich muss Sport treiben. Hilfreicher scheint eine weniger verplante und nicht der Optimierung unterworfene Freizeitgestaltung. Wichtig bleiben aber vor allem die Rahmenbedingungen, in denen dies umsetzbar ist. Auf unserer Tagung werden wir darüber diskutieren, welche Initiativen in Betrieben und seitens der Politik förderlich sind.

Von Katja Rudolph

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