Behindertenmissbrauch: Kollegen des ehemaligen Zivis hegten keinen Verdacht

Kassel. „Er ist durch nichts aufgefallen, hat seine Arbeit immer ordentlich gemacht“, beschrieb am Mittwoch eine Zeugin ihren ersten Eindruck von dem ehemaligen Zivildienstleistenden, der sich derzeit vor dem Landgericht verantworten muss.

Er soll 2006 und 2007 drei behinderte Jugendliche sexuell missbraucht haben. Nachdem der Angeklagte und die Betroffenen unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor der 1. Strafkammer ausgesagt hatten, fand der zweite Prozesstag teilweise öffentlich statt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 25-Jährigen mindestens zehn Taten vor, betroffen sind demnach eine junge Frau und zwei junge Männer, die damals in einem von der Diakonie getragenen Heim für geistig und mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche im Kreis Kassel betreut worden waren.

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Die 50-jährige Zeugin, die sich am Mittwoch äußerte, ist eine Mitarbeiterin dieses Heimes, das inzwischen in ein anderes Gebäude umgezogen ist. Sie berichtete, dass Zivis eine „ausführliche Unterweisung“ bekommen hätten, unter anderem sei klargestellt worden, dass sie - wie alle Mitarbeiter - mit Heimbewohnern keine Beziehung eingehen dürften. Außerdem sei dem 25-Jährigen klar gewesen, welche Handicaps die Bewohner haben.

Sieben Kinder und Jugendliche seien im Tatzeitraum von sechs festen Mitarbeitern und dem Zivi in diesem Heim betreut worden. Der Zivi habe sich - so eine weitere Regelung - nie allein im Haus aufgehalten, er habe Bewohner lediglich ohne eine weitere Aufsicht zum Arzt, zum Spazierengehen oder in den Ruheraum begleitet. Laut Anklage kam es just in solchen Situationen zu sexuellen Übergriffen.

Nachdem seine Zivildienstzeit beendet war, hatte der Angeklagte das Heim noch öfter besucht und sich mit Bewohnern getroffen, was nach den Angaben der Mitarbeiterin, die als Zeugin aussagte, nicht ungewöhnlich sei. Bei einem dieser Besuche bekam der Nachfolger des Angeklagten mit, wie der 25-Jährige gegenüber einer Heimbewohnerin ankündigte, er werde mit ihr später im Ruheraum „Spaß haben“. Das berichtet der 24-jährige ehemalige Zivi am Mittwoch vor Gericht als Zeuge. Als er seinen Vorgänger darauf ansprach, habe der eindeutige Anspielungen auf sexuelle Handlungen gemacht. Nachdem sich dem 24-Jährigen zwei der Betroffenen anvertraut und von Übergriffen berichtet hatten, offenbarte er sich einer Mitarbeiterin des Heimes. Wenig später kam die Anzeige gegen den Angeklagten ins Rollen.

Der Prozess vor der 1. Strafkammer des Landgerichts soll am 9. Februar fortgesetzt werden, eventuell werden Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung zwei Tage später plädieren. (pas)

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