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Interview: So bereitet sich die Arbeitsagentur auf ukrainische Geflüchtete vor

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Von: Alina Andraczek

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Ausreichende deutsche Sprachkenntnisse sind die Grundlage für die Vermittlung am Arbeitsmarkt. Archi
Ausreichende deutsche Sprachkenntnisse sind die Grundlage für die Vermittlung am Arbeitsmarkt. Archi © Michael Reichel/ZB

In Kassel kommen viele Geflüchtete aus der Ukraine an - viele davon wollen schnell arbeiten. Im Interview erzählt Arbeitsagenturchef Dietmar Hesse, welche Chancen sie auf dem hessischen Arbeitsmarkt haben.

Mehr als 4000 Geflüchtete aus der Ukraine waren bis Ende vergangener Woche in Stadt und Landkreis Kassel gemeldet. Einige von ihnen wollen schnell eigene Wohnungen beziehen und arbeiten. Damit sie das auch können, will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Sprachkurse anbieten und ukrainische Berufsabschlüsse anerkennen. Auch die Agentur für Arbeit in Kassel ist vorbereitet, wie Leiter Detlef Hesse erzählt.

Herr Hesse, wie wird sich der Krieg in der Ukraine auf den Arbeitsmarkt in der Region auswirken?

Mit dem Krieg hängen verschiedenste Probleme zusammen. Da geht es um Energieversorgung, Rohstoffe und andere Versorgungsgüter, aber auch Hightech-Produkte aus der ganzen Welt. Da kommt es zunehmend zu Lieferproblemen. Das heißt für viele Unternehmen, dass sie ihre Produktion im gewohnten Umfang zumindest vorübergehend nicht aufrechterhalten können. Das wird nach unserer Einschätzung dazu führen, dass jetzt wieder verstärkt zu Kurzarbeit gegriffen wird.

Bundesagentur für Arbeit hat Hotline eingerichtet

Parallel kommen viele Geflüchtete in der Region an. Wie können sie auf dem Arbeitsmarkt integriert werden?

Rechtlich bekommen die Geflüchteten mit der Aufenthaltserlaubnis aufgrund der Massenszustromrichtlinie den sofortigen Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Wenn sie arbeiten wollen, sind wir vorbereitet. Wir haben bundesweit als Bundesagentur für Arbeit (BA) eine Hotline eingerichtet, wo ukrainischsprachige Mitarbeiter Anrufe von Arbeits- und Ausbildungssuchenden entgegennehmen. Dann haben wir hier vor Ort Plakate entworfen, die in Gemeinschaftsunterkünften hängen. Ein QR-Code führt auf die Internetseiten der BA, wo auf Deutsch, Englisch, Ukrainisch und Russisch alle Informationen bereitstehen. Wir haben außerdem Kontakt zu Bildungsträgern aufgenommen wegen der Sprachkurse. Ausreichende deutsche Sprachkenntnisse sind die Grundlage für alle weiteren Aktivitäten. Danach geht es darum, die Menschen möglichst bildungsadäquat in Arbeitsverhältnisse zu bringen.

Berufsabschlüsse sollen schnell anerkannt werden

Wie viele Geflüchtete arbeiten bereits in der Region oder werden auf dem Arbeitsmarkt erwartet?

Das kann man noch nicht sagen. Über die Motivation der Menschen wissen wir bisher nur weniges aus den Medien und unseren Kontakten zu den Kommunen. Da ist häufig die Rede davon, dass die Menschen so bald wie möglich zurück in ihre Heimat möchten. Es wird aber sicher auch Menschen geben, die mindestens für eine vorübergehende Zeit hier arbeiten möchten. Um die werden wir uns natürlich intensiv kümmern.

Hubertus Heil hat sich für eine schnelle Anerkennung von Berufsabschlüssen ausgesprochen. Wie lässt sich das umsetzen?

Wichtig ist erst einmal, dass wir den Menschen sagen können, wohin sie sich wenden müssen. Da gibt es unterschiedlichste Stellen für verschiedene Abschlüsse. Wir nennen das intern Verweisberatung. Das können wir leisten. Hubertus Heil wollte ja auch besprechen, wie man die Anerkennung der Abschlüsse noch beschleunigen kann. Das dauert teilweise eben noch sehr lange.

Fachkräftemangel: Viele Branchen hoffen auf Geflüchtete

Bietet diese Situation auch Chancen für den regionalen Arbeitsmarkt?

Angesichts des hohen Fachkräftebedarfs besteht sicherlich die Hoffnung, unter diesen Menschen die richtigen Fachkräfte für Unternehmen zu gewinnen. Ein besonders großes Interesse kommt aus dem gesamten Gesundheitsbereich. Es sind ja unter den Flüchtlingen weit überwiegend Frauen, die vielfach eine Ausbildung in Pflege- und Gesundheitsberufen haben. Das wiederum ist bei uns hier in Deutschland eine Branche, die händeringend nach Fachkräften sucht. Da besteht ein großes Interesse daran, wer da kommt. Aber auch der Verkaufsbereich – Lebensmitteleinzelhändler, Bäcker. Viele hoffen darauf, dass sich einige der Geflüchteten dafür interessieren.

Haben die Ukrainerinnen und Ukrainer auch Chancen auf dem Ausbildungsmarkt?

Eine Ausbildung setzt natürlich immer einen längerfristigen Aufenthalt voraus. Im Moment bekommen die Menschen erst mal für ein Jahr diese Aufenthaltserlaubnis. Auch sind nicht nur grundlegende Sprachkenntnisse, sondern ein bisschen mehr erforderlich, weil man Prüfungen ablegen muss. Das haben wir aus früheren Flüchtlingsbewegungen gelernt, dass der Erwerb der Sprachkenntnisse extrem schwierig ist. Deswegen wird erst einmal der Arbeitsmarkt im Fokus stehen.

Das heißt, die Sprachkenntnisse werden Priorität haben?

In erster Linie geht es jetzt um Sprache, es geht um Unterkunft und es geht um die Kinderbetreuung – das sind die wichtigen Aspekte. Wir dürfen nicht vergessen, da kommen Menschen aus Kriegsgebieten zu uns. Das kann man nicht von heute auf morgen verarbeiten. Die Leute müssen erst einmal zur Ruhe kommen.

Service: Die Hotline der Bundesagentur für Arbeit ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und am Freitag von 8 bis 13 Uhr unter 0911 178 7915 erreichbar.

Zur Person

Detlef Hesse (64) leitet seit Anfang 2008 die Agentur für Arbeit in Kassel. Der Wuppertaler studierte Rechtswissenschaften in Marburg. Seit 1991 ist er für die Bundesagentur tätig. Ab 1994 arbeitete er in der Agentur Kassel als Vermittlungsleiter, später als Geschäftsführer. Danach wechselte er zur Regionaldirektion Hessen in Frankfurt.

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