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Influencerinnen aus der Region: So sieht der Arbeitsalltag in Sozialen Medien aus

Akrobatik mit dem Fußball: Freestylerin Gianna Zachan aus Reinhardshagen erreicht mit ihren Videos auf Tiktok mehr als 245.000 Abonnenten.
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Akrobatik mit dem Fußball: Freestylerin Gianna Zachan aus Reinhardshagen erreicht mit ihren Videos auf Tiktok mehr als 245.000 Abonnenten.

Influencer werden oft belächelt: Aber wie sieht der Arbeitsalltag auf Instagram und Co. wirklich aus? Wir haben Influencerinnen aus Nordhessen gefragt.

Kassel - Viele Influencerinnen und Influencer gelten als eitle Menschen, die durch die ständige Begleitung ihres Lebens mit der Kamera um Aufmerksamkeit buhlen und dafür fünfstellige Beträge kassieren. Was diese Arbeit tatsächlich ausmacht, verraten uns Personen aus der Region.

Mutter geht auf Instagram viral: Sie wusste nichts von Influencerinnen

„Damals wusste ich gar nicht, dass es Influencer gibt“, sagt Joanna Hanisevski über ihre Anfänge. Die dreifache Mutter aus Bad Sooden-Allendorf begann 2015 nach der Geburt ihres dritten Kindes, ihren Alltag auf Instagram zu teilen. „Ich fand das gut für den Austausch mit anderen Mamas“, sagt die 37-Jährige. Den hat sie auch heute noch, nun mit mehr als 500.000 Menschen.

Mit der Anzahl der Abonnenten ist der Nebenverdienst zu einem Vollzeitjob gewachsen. Ähnlich ging es zu Beginn der Medizinischen Ernährungswissenschaftlerin Laura Junge aus Kassel, als sie begann, ihre Ernährungsumstellung auf Instagram zu teilen. „Ich litt damals unter starker Neurodermitis und Verdauungsproblemen“, so die 31-Jährige. „Schnell bemerkte ich, dass es vielen Menschen genauso geht und mein Account wuchs.“ Seither hat sie sich unter anderem als Fastenanleiterin ausbilden lassen und teilt ihre Erfahrungen und Expertise mit über 20.000 Menschen.

Fitness-Instagram-Kanal mit Konzept: Wie die Leidenschaft auf TikTok zum Beruf wurde

Luisa-Maxime Huss hatte dagegen eine klare Strategie für ihren Fitness-Instagram-Kanal. Nachdem der Göttingerin klar geworden war, dass Sport ihre Leidenschaft ist, gründete sie früh ihr eigenes Unternehmen für Online-Coachings und baute ihren Internetauftritt aus. Heute folgen ihr rund 145.000 Menschen.

Flexibel, aber zeitaufwendig – so beschreibt „Petfluencerin“ Sina Pollok ihren Vollzeit-Job. Die 23-Jährige aus Körle ist mit Fotos und Videos ihrer Britisch-Kurzhaar-Katzen bekannt geworden und erreicht über die Videoplattform Tiktok fast eine Million Abonnenten. „Meine tägliche Bildschirmzeit liegt bestimmt bei elf Stunden“, sagt Pollok. Die Arbeit begleite sie den ganzen Tag, auch wenn sie beispielsweise nur durch Instagram scrolle und sich inspirieren lasse.

Instagram und TikTok: Influencen geht auch neben der Ausbildung

Für die Freestyle-Fußballerin Gianna Zachan ist ihre Arbeit auf Instagram und Tiktok zwar nur ein Nebenjob neben ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau. Aber um täglich ein Video für ihre rund 245.000 Abonnenten auf Tiktok zu produzieren, opfert sie „fast die gesamte Freizeit“.

Geld verdienen Influencer durch Kooperationen mit Unternehmen, deren Produkte sie in Posts und Videos bewerben. Wie die Influencer aus der Region berichten, muss man hier aussieben. Etwa 80 bis 90 Prozent der Angebote nehmen sie im Durchschnitt nicht an.

Die Verträge handeln manche, wie Sina Pollok, selbst aus. Andere verlassen sich auf ein Management: „Wenn ich Anfragen annehme, schicken die für mich ein sogenanntes Media Kit mit meinen Zahlen raus, und dann werden die Preisverhandlungen gestartet“, berichtet Joanna Hanisevski.

Laut Luisa-Maxime Huss könne man grob zehn Prozent der Abonnentenzahl als Honorar verlangen, meist werde aber weniger bezahlt. Und: Bei ihr und vielen anderen stehen noch Angestellte dahinter, wie ihre Managerin und ein Fotograf. Zudem schwankt das Honorar je nach Art der Inhalte. „Jemand mit meiner Größe, aber einer breiteren Zielgruppe, könnte ganz andere Preise nehmen“, sagt Petfluencerin Sina Pollok.

Influencerinnen auf TikTok, Instagram und Co.: Soviel Arbeit steckt wirklich dahinter

Hinter den Accounts der Influencer stecken nicht nur viele Stunden Video- und Fotoproduktion, sondern auch ein Haufen administrativer Arbeit. Zum einen müssen sie – wie alle Unternehmer – ein Gewerbe anmelden und Buch führen. „Selbst, wenn man nur Produkte zugeschickt bekommt, muss der Wert versteuert werden“, erzählt Gianna Zachan.

Zum anderen lernen sie ständig dazu, wenn es um den rechtlichen Rahmen ihrer Werbung geht. Auf Instagram muss Werbung nach aktueller Rechtssprechung konsequent gekennzeichnet werden. Werbung auf Tiktok ist noch eine Grauzone. „Ich habe das Gefühl, dass es hier weniger streng durchgesetzt wird als bei Instagram, weil es noch zu neu ist“, berichtet zum Beispiel Sina Pollok.

Zukunft auf Instagram und Co.: „Der ständige Druck ist enorm“

Fast alle Influencerinnen sind sich einig, dass das Marketing auf Sozialen Netzwerken auch in Zukunft eine große Rolle spielt. Verlassen wollen sie sich aber nicht nur auf ihren Account. „Der ständige Druck, täglich innovativ und kreativ abzuliefern, damit sich die Zahlen halten oder man weiter wächst, ist enorm“, sagt Laura Junge. Sie nutzt Instagram daher vor allem, um sich als Ernährungscoach zu profilieren.

Joanna Hanisevski glaubt zwar an die Zukunft des Influencer-Marketing, erwartet aber, dass die Freude daran, ihr Leben online zu teilen, eines Tages verschwindet. „Dann würde ich lieber beraten und anderen helfen“, sagt die Familien-Influencerin. Die Erfahrung, die sie auf Instagram sammelt, bleibe schließlich wertvoll. (Alina Andraczek)

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