Stadt und Rathaussekretärin werden sich wohl in Rechtsstreit einigen

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Cornelia Harig

Kassel. Für viele Beobachter war es der Skandal nach dem Skandal: Eine Sekretärin des Kasseler Rathauses erhielt am Ende ihrer über 30-jährigen Tätigkeit für die Stadt eine mehrseitige Abmahnung, nachdem sie grobe Dienstverstöße ihrer Chefin offenbart hatte.

Dass Cornelia Harig (61) dabei auch nicht ganz korrekt gehandelt hat, machte am Freitag der Vorsitzende Richter Wolfgang Oberbossel bei der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht klar. Er stellte aber ebenso fest, dass die Stadt bei ihrem Wunsch nach Sanktionierung zu weit gegangen ist.

Richter Oberbossel sprach von einer "Verkettung unglücklicher Umstände", die dazu geführt habe, dass sich eine langjährige Mitarbeiterin und die Stadt einen langen Rechtsstreit lieferten. Zwei Güteverhandlungen waren bereits gescheitert. Seinen Anfang nahm der Streit, nachdem Harig im Sommer 2012 beobachtet hatte, wie die Revisionsamtsleiterin Jutta Bott eine andere Sekretärin dafür einsetzte, Botts Doktorarbeit in der Arbeitszeit abzutippen.

Aktualisiert um 20 Uhr. 

Nachdem Harig das Personalamt und den Oberbürgermeister über die Verstöße informiert hatte, reagierte die Stadt unglücklich und Harig bewies zu wenig Geduld, als sie "etwas zu früh" die Fraktionen einweihte - so zumindest sah es der Richter. Denn die Stadt habe Harig, trotz ihrer Nachfragen, nicht darüber in Kenntnis gesetzt, dass Ermittlungen im Gang seien. So sei bei Frau Harig wohl der Eindruck entstanden, die Stadt reagiere nicht. "Ich hatte das Gefühl, gegen mich wird ermittelt. Ich musste in ein anderes Büro, wo ich keine Arbeit mehr bekam", schilderte Harig ihre letzten Arbeitstage.

"Ein Kommunikationsproblem der Stadt", befand Oberbossel. Denn in der Tat sei die Stadt tätig geworden und habe, einen Tag bevor Harig die Fraktionen über den Verstoß ihrer Chefin informierte, ein Disziplinarverfahren gegen Bott eingeleitet. Nur habe Harig davon nichts erfahren.

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Den Einwand des städtischen Justiziars Ferdinand Peter, die Stadt sei nicht verpflichtet, ihre Mitarbeiter über den Sachstand zu informieren, ließ der Richter nicht gelten. Hinter solchen Formalien solle sich die Stadt nicht verstecken. Eine Rückmeldung an Harig sei möglich gewesen, ohne Ermittlungsdetails preiszugeben.

Weil dies über Wochen nicht geschehen war, hatte sich Harig an die Stadtverordneten gewandt. An der Stelle sei ihr der Vorwurf zu machen, dass sie in ihrer E-Mail Bott namentlich genannt hatte, sagte Oberbossel. Auch hätte sie noch ein paar Tage mit der E-Mail warten sollen.

Am Ende konnte er beide Seiten für einen Vergleich erwärmen, bei dem die Stadt ihre Abmahnung zurückzieht und stattdessen eine Ermahnung ausspricht, die sich auf diese Punkte beschränkt. Die Parteien haben zwei Wochen Bedenkzeit, sonst fällt das Gericht ein Urteil.

Von Bastian Ludwig

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