„Gastgewerbe am stärksten betroffen“

Interview: Arbeitsmarktexperte über Auswirkungen des Mindestlohns

Kassel. Über die Auswirkungen des Mindestlohns sprachen wir mit Prof. Dr. Holger Bonin von der Uni Kassel.

Welche Auswirkungen wird die Einführung des Mindestlohns haben? 

Holger Bonin

Prof. Holger Bonin: Es gibt ja Befürchtungen, dass im großen Stil Jobs verloren gehen. Nach dem, was wir bisher über Mindestlöhne wissen, werden die Beschäftigungsverluste aber wohl nicht sehr groß sein. Wenn, dann wird es im Ostdeutschland, wo das Lohnniveau noch deutlich niedriger ist, zu Problemen kommen. Im Westen ist die Bezahlung unterhalb von 8,50 Euro kein Massenphänomen – dort verdienen nur acht Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weniger als 8,50 Euro, im Osten liegt der Anteil dagegen bei über 20 Prozent.

In welchen Bereichen verdienen Beschäftigte derzeit weniger als 8,50 Euro? 

Bonin: Die am stärksten betroffene Branche ist mit Abstand das Gastgewerbe: 41 Prozent der Beschäftigten haben hier geringere Stundenlöhne. Im Handel sind es knapp 15 Prozent. Niedriglöhne kommen allerdings vor allem im Bereich der geringfügig Beschäftigten vor: bis zu 50 Prozent der Niedriglöhne werden in Minijobs, also 450-Euro-Jobs, gezahlt. Reguläre Jobs sind deutlich seltener betroffen.

Also verbessert sich die Situation der Beschäftigten durch den Mindestlohn? 

Bonin: Das ist die Frage. Auf dem Papier werden die Löhne vieler Niedrigverdiener sicher steigen. Viele Arbeitgeber dürften aber versuchen, Kostensteigerungen zu vermeiden, etwa durch stärkere Arbeitsverdichtung. Wenn zum Beispiel dem Zimmermädchen der Mindestlohn gezahlt werden muss, könnte der Arbeitgeber verlangen, dass mehr Zimmer pro Stunde sauber gemacht werden. Dann läuft es auf unbezahlte Überstunden hinaus.

Und wenn die Mitarbeiter da nicht mitmachen? 

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Bonin: Geringverdiener sind leider oft schwach gegenüber ihren Arbeitgebern – darum will man sie ja gerade mit dem Mindestlohn vor Ausbeutung zu schützen. Kostenzuwächse durch den Mindestlohn lassen sich aber auch weniger offensichtlich weitergeben: Vergünstigungen der Belegschaft streichen, Löhne weniger erhöhen. So etwas kann auch Mitarbeiter treffen, die mehr als den Mindestlohn verdienen. Relativ gesehen verschlechtern sie sich dann durch den Mindestlohn.

Was passiert bei Mini-Jobs? 

Bonin: Viele Mini-Jobber tragen genau 450 Euro im Monat nach Hause. Wenn sie bisher einem sechs Euro pro Stunde bekommen haben, wird mit dem Mindestlohn nicht plötzlich ein 650-Euro-Job daraus, weil dann Steuern und Sozialabgaben anfallen. Um sich sich die Vorteile der geringfügigen Beschäftigung zu sichern, dürften viele Arbeitgeber im Einvernehmen mit den Beschäftigten, die ja auch vom Mini-Job-Prinzip „brutto gleich netto“ profitieren, stillschweigend die Arbeitszeiten verlängern.

Erwarten Sie weitere Folgen? 

Bonin: Tätigkeiten könnten in die Selbständigkeit ausgelagert werden, da der Mindestlohn die Verdienste der Soloselbständigen nicht reguliert. Außerdem werden die Preise für einfache Dienstleistungen steigen, etwa in den Gaststätten oder fürs Taxifahren. Da bleibt es abzuwarten, wie stark die Verbraucher reagieren und weniger konsumieren.

Wirklich besser klingt das insgesamt nicht. 

Bonin: Eine treffgenaue Sozialpolitik ist der Mindestlohn nicht. Er wurde ja stark über das Thema Aufstocker verkauft. Bei den allermeisten, bei denen der Staat ein niedriges Einkommen mit Hartz-IV-Leistungen aufbessert, liegt das aber nicht an einem Lohn unter 8,50 Euro, sondern an den geringen Arbeitsstunden. Oder daran, dass eine große Familie mit einem Einkommen zu versorgen ist. Diese Probleme kriegt man mit dem Mindestlohn nicht in den Griff.

Zur Person: Holger Bonin

Holger Bonin (46) ist Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt „Arbeitsmärkte und Soziale Sicherung“ an der Uni Kassel. Zudem leitet er den Arbeitsmarktbereich am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. (rud)

Rubriklistenbild: © dpa

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