Interview mit Soziologin Kerstin Jürgens

Vereinbarkeit von Beruf und Familie: „Arbeitzeit muss flexibler sein“

Kassel. Viele berufstätige Eltern haben Schwierigkeiten, einen guten Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden, sind ausgelaugt durch den täglichen Spagat zwischen Beruf und Familie. Die Soziologieprofessorin Kerstin Jürgens richtet eine Tagung zum Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie “ an der Uni aus.

Frau Prof. Jürgens, Sie fordern einen neuen Ansatz in der Familienförderung. Warum?

Prof. Kerstin Jürgens: In der Arbeitswelt und im privaten Umfeld hat sich viel verändert. Die traditionelle Ernährerrolle der Männer verliert an Wirkung: Die zurückhaltende Lohnentwicklung lässt das Budget vieler Familien schrumpfen. Viele Frauen müssen hinzuverdienen. In der Arbeitswelt nehmen befristete Beschäftigungsverhältnisse und Leiharbeit zu. Erwerbsverläufe sind weniger planbar. Der Arbeits- und Leistungsdruck bei den Männern steigt, gesundheitliche Probleme sind häufig die Folge.

Und bei den Frauen?

Jürgens: Vor allem junge Frauen sind heute gut qualifiziert und wollen dies auch in einer Berufstätigkeit umsetzen. Die Zahlen zeigen, dass der Drang der Frauen auf den Arbeitsmarkt groß ist - allerdings wird ihre Erwerbstätigkeit auch massiv eingefordert, um dem demografischen Wandel zu begegnen. Auffallend dabei: Obwohl in vielen Familien beide Elternteile erwerbstätig sind, bleibt die Rollenverteilung traditionell. Hausarbeit bleibt meist Aufgabe der Frau.

Was muss sich in der Familienpolitik ändern?

Jürgens: Die Kinderbetreuung ist ein wichtiger Punkt. Es müssen genügend Betreuungsplätze vorhanden sein und die Betreuungszeiten flexibler gestaltet werden. Viele Regionen sind hier in Verzug. In Westdeutschland erreichen meist nur die Städte die entsprechenden Quoten. Auch die Qualität der Betreuung und die Qualifikation und Bezahlung der Erzieher müssten mehr Aufmerksamkeit erhalten als bislang. Vielfach fehlt schlichtweg das Personal.

Wo hakt es sonst noch?

Jürgens: Die Familienpolitik hat eine gewisse Vorliebe für Familien mit hoher Qualifikation. Familienpolitische Instrumente sollten stärker darauf ausgerichtet sein, dass sie allen Kindern zugutekommen - egal aus welchem Elternhaus sie stammen. Zudem sollten die Maßnahmen besser abgestimmt sein: So wurde beispielsweise das einjährige Elterngeld eingeführt, obwohl die Betreuungsplätze für die Einjährigen vielerorts fehlten.

Was muss sich in der Arbeitswelt ändern?

Jürgens: Für Eltern erweisen sich maßgeblich die Arbeitszeiten als Problem: Die Dauer ist zu lang, die Lage häufig unvereinbar mit Familienleben. Arbeitszeiten müssten also flexibler im Sinne der Familien gestaltet werden.

Was meinen Sie genau?

Jürgens: Dazu gehören die Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeit, Freistellungsoptionen und Teilzeitangebote. Studien belegen: Männer wünschen sich vermehrt eine Verkürzung der Arbeitszeit. Frauen würden vielfach gern umfassender berufstätig sein statt in geringfügige Beschäftigung abgedrängt zu werden. Unternehmensinteressen kommt dies durchaus zugute: Ist das Vereinbarkeitsproblem gelöst, sind Eltern motivierte und leistungsstarke Beschäftigte.

Was können die Familien selbst verbessern?

Jürgens: Hausarbeit und Koordination des Familienlebens sind häufig zulasten der Frau verteilt. Sollen und müssen Frauen zukünftig auch in Vollzeit erwerbstätig sein, werden Paare vermehrt Konflikte um die Arbeit im Privaten auszutragen haben.

Was ist Ihr Fazit?

Jürgens: Wir erleben gerade, wie widersprüchlich politische Ziele sein können: Arbeitspolitik will mehr Frauen in die Berufswelt integrieren, Familienpolitik will die Geburtenrate steigern. Man wird diese Ziele nur erreichen, wenn man sich in den entsprechenden Maßnahmen abstimmt und den Menschen Rahmenbedingungen bietet, in denen beides gelingen kann. Qualität und Ausbau der Kinderbetreuung, die Gestaltung der Arbeitszeit, die Aufwertung von Frauenarbeit und eine stärkere Beteiligung der Männer am Familienleben sind hier wichtige Stellschrauben. (mkx)

Von Mirko Konrad

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