Über das norwegische Museum und seine Heimatstadt

Architekt aus Kassel entwirft Munch-Museum in Oslo: Interview mit Jens Richter

+
Monumentaler Bau im Osloer Hafen: Das Munch-Museum in der norwegischen Hauptstadt wird in diesem Jahr eröffnet. Für Entwurf und Bau ist der aus Kassel stammende Architekt Jens Richter vom Architekturbüro „Estudio Herreros“, Madrid, verantwortlich.

Der Architekt für das neue Munch-Museum in Oslo, Jens Richter, stammt aus Kassel. Mit uns hat er über das Museum und das documenta-Institut gesprochen. 

  • Der Architekt Jens Richter kommt aus Kassel und ist für den Bau des neuen Munch-Museums in Oslo verantwortlich
  • Er meint, ein Museum muss heute mehr leisten, als nur ein Ort für die Ausstellung zu sein.
  • Den Karlsplatz als Standort für das neue documenta-Institut hält er für eine gute Idee

Diesen Sommer wird in Oslo das neue Munch-Museum eröffnet: ein spektakulärer 13-geschossiger Bau mit einer über die Osloer Bucht geneigten Glasfassade. 

Entwurf und Bau hat der aus Kassel stammende Architekt Jens Richter vom Studio Herreros in Madrid verantwortet. Wir sprachen mit dem 42-Jährigen über das Projekt und Parallelen zu Kassel.

Jens Richter, Architekt aus Kassel, entwarf das Munch-Museum in Oslo

Was bedeutet es für Sie als Architekt, ein so bekanntes Museum neu zu bauen?

Für unser Büro ist es tatsächlich derzeit das Projekt mit der größten Strahlkraft – auch wenn wir schon größere Gebäude geplant haben. Edvard Munch ist nicht nur in Norwegen, sondern weltweit eineGalionsfigur expressionistischer Kunst. 

Gerade in Deutschland, wo er seine ersten bedeutenden Ausstellungen hatte, ist er sehr populär. Auch für mich persönlich war es ein Riesending, als wir 2009 den Architekturwettbewerb gewonnen haben. 

Ich hatte früher Kunst-Leistungskurs und somit schon früh Kontakt mit Munch. Über das Projekt habe ich einen noch tieferen Zugang zu seiner Kunst bekommen.

Räume der Kunst angepasst

Macht es einen Unterschied, ob man ein Museum für Munch oder Monet plant?

Auf jeden Fall. Es gab eine intensive Zusammenarbeit mit dem Munch-Museum, und unser Wissen ist in die Konzeption des Neubaus eingeflossen. Das Museum besitzt eine der umfangreichsten und vielfältigsten Sammlungen eines einzelnen Künstlers

Neben großformatigen Gemälden wie „Alma Mater“ oder „Die Sonne“ gibt es feinste kleine Zeichnungen und Drucke. Deshalb müssen die Ausstellungsräume unterschiedlich dimensioniert sein. Neben monumentalen Sälen mit doppelter Raumhöhe wird es kleine, intime Kabinette geben.

Wieso haben Sie sich für ein Hochhaus als Museumsbau entschieden?

Wir sprechen vom vertikalen Museum. Munch hatte früher ein Atelier im Fjord von Oslo und hat dort teils unter freiem Himmel gearbeitet. Die enge Beziehung zwischen Munch, beziehungsweise seiner Kunst, und der Stadt versuchen wir, mit der Architektur aufzunehmen. 

Hingucker auch bei Nacht. 

Man geht in dem Museum nicht wie üblich auf einer Ebene von Raum zu Raum. Stattdessen sind die Ausstellungsräume übereinandergestapelt. Beim Aufstieg bekommt man in jeder Etage einen neuen Ausblick auf die Stadt. 

Im obersten Geschoss gibt es ein öffentlich zugängliches Restaurant und eine Aussichtsplattform, von der aus man den Fjord bis zu den Stadträndern überblicken kann.

Konzept musste auch der Öffentlichkeit nahe gebracht werden

Was war die größte Herausforderung bei dem Projekt?

Bei allen großen öffentlichen Neubauten ist es wichtig, die Aufgaben und Qualitäten des Gebäudes zu vermitteln. 

Wir haben viel Arbeit darauf verwendet, der Stadt als Auftraggeberin zu helfen, das Konzept und die Besonderheiten des Projekts der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Das war auch für uns ein Lernprozess.

Gab es Widerstände?

Ich würde es Diskussionen nennen. Sie waren größtenteils politischer Natur. Als der neue Standort präsentiert wurde, fühlten sich einige politische Gruppen übergangen. 

Zudem war die Idee des vertikalen Museums für die Bevölkerung ungewohnt. Oslo ist ja nicht als Wolkenkratzer-Stadt bekannt. Durch intensiven Dialog konnten aber Zweifel ausgeräumt und in Vorfreude verwandelt werden.

Schon vor der Fertigstellung ist das neue Museum zum Blickfang in der Skyline von Oslo geworden.

Museen müssen mehr leisten als nur Ort für die Ausstellung zu sein

Was müssen Museumsbauten heute leisten?

Zeitgenössische Museen sollten ihre Aufgabe nicht nur darin sehen, ihre Sammlungen zu präsentieren und aufzubewahren. Sie sollten auch Treff- und Anziehungspunkte einer Stadt sein. 

So wird das Munch-Museum neben den Ausstellungen ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm bieten. Dafür gibt es ein Auditorium für Konzerte und Vorträge, Räume für Workshops und Aktivitäten auch für Kinder sowie eine Bibliothek. 

Das Museum soll nicht nur für den Besucher da sein, der einmal mit dem Kreuzfahrtschiff in Oslo vorbeikommt, um sich „Den Schrei“ anzusehen. Es soll ein Ort für alle Menschen in der Stadt sein.

Dachterrasse mit Blick über Oslo. 

Was kann die Architektur dazu beitragen?

Sie kann Öffnung und Transparenz durch bauliche Mittel generieren. Das fängt damit an, dass das Gebäude sich gut mit dem Außenraum verbindet. Und setzt sich in einem Erdgeschoss fort, das wirklich dazu einlädt, hereinzukommen. 

Passend zu einem breit gefächerten Programm mit vielen öffentlichen Teilen muss es auch Räume im Museum geben, die diesem Anspruch gerecht werden.

Ein neues documenta-Institut ist von großer Bedeutung

In Kassel geht es derzeit um den Neubau eines documenta-Instituts. Verfolgen Sie die Diskussion?

Natürlich. Ich bin ein Sohn Kassels und habe schon als Kind die documenta besucht. Ich bin ein großer Fan der Ausstellung und ihrer Ideale. Die documenta hat weltweit eine wahnsinnige Bedeutung und ist identitätsstiftend für Kassel. 

Die Idee, in einem documenta-Institut die Geschichte und Entwicklung der Ausstellung erfahrbar zu machen, ist absolut unterstützenswert. Ich sehe durchaus eine Parallele zum Munch-Museum in Oslo, das ja auch eine hohe Signifikanz und Symbolik für die Stadt hat. 

Das documenta-Institut in Kassel soll zwar nicht so groß werden, aber seine Bedeutung ist riesig.

Was halten Sie vom Karlsplatz als Standort?

Der Vorschlag macht städtebaulich Sinn. Es entsteht eine Achse zwischen Fridericianum, Neuer Galerie und Kunsthochschule. Und die Verdichtung am Karlsplatz, der ja direkt neben dem großen offenen Friedrichsplatz liegt, ist aus meiner Sicht kein Risiko, sondern bietet die Chance, eine Lücke zu schließen und neue Akzente zu setzen.

documenta-Institut: Richters Büro möchte sich am Wettbewerb für den Neubau beteiligen und hält den Karlsplatz für einen guten Standort. 

Können Sie die Debatte um den Standort nachvollziehen?

Der Streit um den Parkplatz verhindert eine echte Diskussion über das Potenzial, das so ein Gebäude mit sich bringt. Viele Kritikpunkte, die vorgebracht werden, sind architektonische Probleme, bei denen es um Transparenz und Durchlässigkeit geht. 

Man muss den Menschen die Angst nehmen und mit konkreten architektonischen Vorschlägen die Möglichkeiten ausloten und der Öffentlichkeit vermitteln. Wenn das gelingt, wird das documenta-Institut mit Sicherheit nicht der befürchtete massive Block.

Richters Büro will sich am Wettbewerb für den Neubau beteiligen

Ist das Projekt auch für Ihr Büro interessant?

Wir verfolgen die politischen Entscheidungsprozesse mit großem Interesse und sind bereit, uns zu bewerben, wenn das öffentliche Vergabeverfahren beginnt. Ich habe hier studiert und war viele Jahre im Ausland. Es wäre toll, wenn ich meine Erfahrungen jetzt in meiner Heimatstadt einbringen könnte. 

Wenn ich heute nach Kassel komme, finde ich eine Stadt vor, die in Bewegung ist und ein enormes Potenzial hat – durch die geografische Lage, die Entwicklung der Uni, den Weltkulturerbe-Titel und die wachsende Museumslandschaft. Ich würde gern meinen Teil dazu beitragen, dass Kassel weiter so voranschreitet.

Zur Person

Jens Richter (42) ist in Harleshausen aufgewachsen und besuchte das Wilhelmsgymnasium. Nach dem Abitur studierte er an der Universität Kassel Architektur. Er arbeitete mehrere Jahre in China (Chongqing, Peking, Shanghai) sowie in Amsterdam. 

2006 begann er beim Architekturbüro von Juan Herreros in Madrid. Seit 2014 ist er Mitinhaber des „Estudio Herreros“, das 19 Mitarbeiter hat. Richter lebt mit seiner langjährigen Partnerin, die ebenfalls aus Kassel kommt, in Madrid. Er ist regelmäßig zu Besuch in seiner Heimat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.