Meteorologe kommt am 6. Juni zum Campusfest nach Kassel

ARD-Wetterexperte Sven Plöger: „Extreme Wetterereignisse häufen sich“

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Präsentiert das Wetter in der ARD: Meteorologe Sven Plöger.

Dürre, heftiger Regen, kaum Schnee: Die Extremen Wetterereignisse häufen sich, sagt ARD-Wettermoderator Sven Plöger. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Die große Dürre im vergangenen Jahr, ein Winter fast ohne Schnee, Hochwasser im Wonnemonat Mai: Über Wetterkapriolen und den Klimawandel sprachen wir mit Diplom-Meteorologe und ARD-Wettermoderator Sven Plöger. Er kommt am Donnerstag, 6. Juni, zum Campusfest der Uni Kassel.

Herr Plöger, am 6. Juni halten Sie einen Vortrag beim Campusfest. Kennen Sie Kassel eigentlich? Auf der ARD-Wetterkarte tauchen wir ja nicht auf ...

Ja, da haben wir ein großes Problem – wen schreiben wir auf die Wetterkarte? Wie viele Städte in der Größe Kassels gibt es wohl?

… bei 200 000 Einwohnern werden es wohl einige sein. Es könnte eng werden auf der Karte.

Genau. Würden wir Städte wie zum Beispiel Saarbrücken berücksichtigen, wären wir angesichts der Namenslänge schon in Niederbayern. Wir können leider nicht allen Wünschen entsprechen. Kassel kenne ich natürlich, weil ich immer wieder mit dem Zug durchfahre. Aber ich bin auch schon ausgestiegen – wir haben Freunde hier.

Wären Sie vergangene Woche in Kassel ausgestiegen, hätten Sie womöglich nasse Füße bekommen. Tief Axel bescherte uns eine Jahrhundertflut. Hätten Sie die Regenmassen vorhersagen können?

Ich selbst war in jener Nacht von Thüringen nach Niedersachsen unterwegs. Im nebligen Harz betrug die Sichtweite keine fünf Meter, dann setzte Starkregen ein. Die Kollegen haben gut vorhergesagt, dass solche Mengen kommen werden.

Die Auswirkungen waren teils gravierend.

Ja, von vielen Feldern ist das Erdreich auf die Straße gerutscht, denn die Böden reagierten abweisend. Das liegt an einem trockenen April, hat aber auch mit der großen Trockenheit des vergangenen Jahres zu tun. In tiefen Schichten des Bodens sind wir immer noch in der Hauptphase der Dürre aus 2018.

Zuletzt war zu hören, dass uns in diesem Jahr womöglich wieder eine Dürre bevorsteht. Wie bewerten Sie das?

Als medialen Unsinn und Überaufgeregtheit. Die Grundaussage der Meteorologen war: Wenn es im Jahr 2019 wieder so trocken werden würde wie 2018, wäre eine noch schlimmere Dürre zu befürchten.

Man beachte den Konjunktiv…

Der fiel aber unter den Tisch. Die Folge war eine Riesen-Kakofonie, eine Aufregung, die die Leute bös verunsicherte. Noch mal ganz deutlich: Wir können keine Langzeit-Prognosen erstellen. Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand.

Wie lässt sich denn nun das jüngste Hochwasser bewerten: als Wetterkapriole oder als Ausfluss des Klimawandels?

Was man spontan erlebt, ist Wetter. Punkt. Richtig ist aber, dass sich extreme Wetterereignisse spürbar und messbar häufen. Das hat was mit Klimaveränderungen zu tun. Veränderte Luftströmungen verändern unser Wetter. Einfach erklärt: Das Eis zieht sich vom Nordpol zurück. Wenn wir den Nordpol erwärmen, nimmt der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator ab. Weniger Temperaturunterschied bedeutet aber weniger Ausgleichsbewegung, also weniger Wind. Hochs und Tiefs ziehen folglich langsamer. 2018 konnten wir quasi den Klimawandel erleben.

Wie können wir unseren Anteil am Klimawandel verringern?

Möglicherweise hilft uns jetzt die Europawahl, bei der die Themen Umwelt und Klima bei den Bürgern in Deutschland und vielen anderen Ländern massiv in den Vordergrund gerückt sind. Eben weil der Klimawandel durch die Hitze und Dürre in 2018 so haptisch geworden ist. Die Jugend reagiert überraschend politisch, geht auf die Straße und zeigt, dass sie das auslöffeln muss, was ihre Eltern und Großeltern ihnen eingebrockt haben. Sie treibt die Politik nun vor sich her, wirklich tätig zu werden.

Was wird denn nun aus Deutschlands Klimazielen?

Deutschland hat jahrelang wie eine Monstranz vor sich hergetragen, dass es Vorreiter in Sachen Klimaschutz sein und dazu 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 schon bis 2020 erreichen will. Nur hat jemand 2017 bemerkt, dass 2020 bald kommt – und ohne großes Zögern wurden die Ziele einfach um zehn Jahre vertagt. Viel unambitionierter geht es nicht. Und so sind Zweifel vielleicht nicht ganz unberechtigt, dass wir das Ziel, das Angela Merkel jüngst ausgerufen hat – Klimaneutralität bis 2050 –, auch verfehlen werden. Außer die Europawahl hat nun einen wirklichen Ruck durch die Regierungsparteien gehen lassen.

Die Jugend setzt in der Masse ein Zeichen gegen den Klimawandel. Was aber lässt sich im Einzelnen erreichen?

Das sind teils ganz banale Dinge: Ich kann meine Wäsche bei 40 statt bei 60 Grad waschen, den Deckel auf den Kochtopf legen oder mein Mobilitätsverhalten ändern. Die Summe dessen, was der Einzelne macht, macht den globalen Erfolg aus. Es gibt eine Vielzahl von Büchern, die Vorschläge machen, was man tun kann, um klimafreundlicher und oft gleichzeitig auch sparsamer zu werden. Sich solch ein Buch zu besorgen und dann auch zu schauen, was drin steht, ist eine prima Idee. Außerdem bedeutet Klimaschutz nicht nur Verzicht, er kann auch Spaß machen. Das habe ich gerade erst gespürt, als ich einen E-Scooter ausprobiert habe.

Macht es auch Spaß, bei widrigem Wetter draußen zu sein? Wie oft bekommen Sie nasse Füße oder müssen sich gegen den Wind stemmen?

Sehr oft. Ich bin sowohl beruflich für Dokumentationen als auch privat viel draußen. Sturm oder Gewitter finde ich spannend. Aber man muss eben auch wissen, wann es gefährlich wird. Ich will ja nicht die Schlagzeile generieren: „Meteorologe wurde vom Blitz erschlagen“. Leider setzen sich heute mehr Leute Gefahren aus, weil sie sich mehr auf die Wetter-App im Handy als auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen.

Haben Sie denn eine Wetter-App auf dem Handy?

12. Vielleicht auch 13. Ich habe mal einen Test gemacht und die Angebote verglichen. Sie werden schon besser, und ich verstehe auch, dass Menschen sie nutzen. Ich rate aber trotzdem: Schauen Sie abends zur Einordnung den Wetterbericht. Morgens können Sie dann aufs Handy gucken – aber achten Sie nur auf die Prognose für die nächsten drei Tage. Längerfristige Vorhersagen können Sie getrost vergessen.

Unter dem Titel: Zukunftskunst – wie kommen wir von der Klimadebatte zu gesellschaftlichen Veränderungen? spricht Plöger am 6. Juni, 18 Uhr, im Campus Center, Hörsaal 1, und diskutiert mit Prof. Dr. Uwe Schneidewind.

Diplom Meteorologe Sven Plöger (52) ist bekannt als Moderator der ARD-Sendungen „Wetter vor Acht“ und des Wetterberichts im Anschluss an die „Tagesthemen“. Der gebürtige Bonner hat in Köln Meteorologie studiert, hält Vorträge über Wetter und Klima, schreibt Bücher und moderiert Veranstaltungen zum Thema Klimawandel. Plöger ist verheiratet, liebt die Fliegerei (Gleitschirm, Segelflug, Ultraleichtflug), Tauchen, Skifahren und Reisen.

Campusfest am 6. Juni

Die Universität Kassel lädt ein zum Campusfest am Donnerstag, 6. Juni, von 15 bis 21 Uhr auf dem Campus Holländischer Platz – mit Gesprächen (neben ARD-Wettermoderator Sven Plöger berichtet Dokumentarfilmer Klaus Stern ab 20 Uhr von seiner Arbeit), Führungen (z. B. in die Mensa-Küche oder in wissenschaftliche Labore), Experimenten zum Mitmachen (z.B. zur Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz), Vorträgen (z. B. zum Ersatz des Denkens durch das Googeln), einem mitreißenden Kulturprogramm (z.B. mit Blech-Blas-Rap von Flooot) und vielem mehr. 

Von 16 Uhr bis spät in die Nacht veranstaltet der AStA parallel sein Waschbär-Festival. „Unser Campusfest, das ist Wissenschaft zum Anfassen“, lädt der Präsident der Universität, Prof. Dr. Reiner Finkeldey, alle Interessierten aus Stadt und Region ein.

Lesen Sie dazu: Unwetter in Kassel: Nur 39 Prozent der Betroffenen haben Hochwasser-Versicherung

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