Armutszeugnis - 3300 nutzen in Kassel und Umgebung die Tafel

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Kassel. Die Zahl der Menschen, die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen, ist nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Tafel weiter gestiegen. Es sind heute bundesweit 1,3 Millionen Nutzer. „Armut hat sich von der konjunkturellen Entwicklung komplett entkoppelt“, sagt der Bundesvorsitzende Gerd Häuser.

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Allein in Kassel und Umgebung werden regelmäßig 3300 Bedürftige mit Lebensmitteln unterstützt. Hundert weitere stehen auf der Warteliste der Kundenkartei.

Dass die Zunahme der Bedürftigen und das Wachsen des Tafel-Netzes keine Erfolgsgeschichte, sondern ein gesellschaftliches Armutszeugnis ist, sehen auch viele der bundesweit 50 000 ehrenamtlichen Tafelmitarbeiter, von denen sich 800 zurzeit in Kassel zum Bundestreffen versammeln. Sie rücken das Thema Lebensmittelverschwendung in den Mittelpunkt ihres Engagements. Dass trotz der Tafelbewegung in Deutschland jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landeten, sei ein Skandal.

Allein in Kassel werden nach Angaben der Stadtreiniger jährlich 5000 Tonnen Lebensmittel im Müll entsorgt. Häuser: „Die Tafeln arbeiten gegen die Wegwerf-Mentalität.“ Er fordert einen Bundesbeauftragten für die Bekämpfung der Armut. Der müsse die „Gänge durch die Institutionen hinterfragen und ressortübergreifende Hilfe ermöglichen“. (chr)

 

Hilfe hat viele Facetten

Wie vielfältig die Hilfsbereitschaft gegenüber Bedürftigen sein kann, zeigte sich während des Bundestafeltreffens beim Markt der Möglichkeiten am Freitag in der Kasseler Stadthalle. Mitglieder von 350 Tafeln von 800 aus ganz Deutschland nahmen an Fortbildungen zu Themen wie Lebensmittelhygiene, Lebensmittelrecht und Vereinsrecht teil.

Lebensmittelhändler, Firmen und Institutionen waren mit Ständen vertreten, wo sie ihre Produkte und Dienstleistungen zugunsten der Tafel vorstellten. Mit dabei war beispielsweise eine Firma aus Offenburg, die den Tafeln Spültechnik für deren Küchen günstig anbietet. Die Daimler AG hat dem Gastgeber, der Kasseler Tafel, einen Transporter gesponsert.

Der Wagen, der fast eine Tonne Ladung fasst, soll ab sofort ein kleineres Fahrzeug ersetzen, sagte Hans-Joachim Noll, Vorsitzender der Kasseler Tafel. Im gesamten Bundesgebiet hat Daimler insgesamt schon 600 Fahrzeuge gespendet. Die Bemühungen des Bundesverbands Deutsche Tafel, Unternehmen und private Spender für die Arbeit der Tafeln zu gewinnen, waren im vergangenen Jahr erfolgreich. Sach- und Geldspenden in Höhe von 4,5 Millionen Euro wurden an die Tafel weitergeleitet.

„Nie zuvor hat der Verband seine Mitglieder in dieser Größenordnung unterstützt“, sagte Jochen Brühl, der stellvertretende Vorsitzende und Spendenbeauftragte des Verbands. Kritik an der vermeintlichen Erfolgsgeschichte der Tafelbewegung kommt indes von der Kasseler Erwerbslosen-Initiative: „Die Blüte der Tafeln hat ihren Grund im Niedergang des Sozialstaates“, sagt Sprecherin Brigitte Schröder. Die erfolgreiche Arbeit der Tafeln diene der Politik als „Vorwand, den Sozialstaat weiter zu demontieren“. Sie fordert einen Regelsatz von mindestens 500 Euro und die Übernahme der vollen Miet- und Nebenkosten sowie einen Mindestlohn von zehn Euro.

Zu den Tafel-Kunden zählen Langzeitarbeitslose, darunter viele Alleinerziehende und Ausländer, aber auch immer mehr Geringverdiener und Rentner. „Augenfällig ist, dass die Zahl der Senioren, der Kinder und Jugendlichen zuletzt überproportional gestiegen ist“, sagt der Bundesvorsitzende Gerd Häuser. Der Anteil der Rentner an den Tafel-Nutzern ist in den vergangenen Jahren von zwölf im Jahr 2007 auf heute 17 Prozent gestiegen. Ebenfalls sei die Menge der gespendeten Lebensmittel leicht steigend, „aber nicht in der gleichen Geschwindigkeit, in der die Nachfrage steigt“, sagte Häuser. Er wurde am Freitag als Vorsitzender für eine dritte Amtszeit wiedergewählt.

Von Stefanie Dietzel und Christina Hein

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