Kindstötung - 22-Jährige sagte zu Gutachter, dass sie bei der Tat „neben sich gestanden“ habe

Arzt: Angeklagte fühlte nichts

Im Zeugenstand: Dr. Georg Stolpmann. Archivfoto:  Pflüger-Scherb

Kassel. Sie habe nichts gedacht, und sie habe nichts gefühlt, als sie zugestochen habe. Das hat die 22-jährige Angeklagte im vergangenen Sommer zu Dr. Georg Stolpmann, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie sowie Diplom-Psychologe an der Universität Göttingen, gesagt.

Stolpmann, der vor der Sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts als Gutachter bestellt worden ist, sagte gestern als Zeuge aus. Er sollte schildern, was ihm die Frau über den eigentlichen Tathergang mitgeteilt hat. Die Anklage wirft der 22-Jährigen aus Fuldabrück vor, am 9. Juli 2009 ihre neugeborene Tochter auf der Toilette getötet zu haben. In ihrer Einlassung hatte die Angeklagte sich nicht näher dazu geäußert, wie sie ihr Kind getötet hat.

Dem Gutachter hatte sie erzählt, dass sie auf der Toilette saß, als das Mädchen zur Welt kam. Anschließend sei das Kind in die Toilette gefallen. Sie habe das Baby herausgeholt und in ein Handtuch gewickelt. Das Kind habe gelebt; es habe gezuckt, aber nicht geschrien. Anschließend habe sie den Säugling auf den Boden gelegt. Sie habe nach einer Schere gegriffen und im Sitzen auf den Säugling eingestochen. Es sei so gewesen, als habe sie neben sich gestanden, so habe die Angeklagte Stolpmann ihre Gefühle beschrieben, berichtete der Mediziner. Nach Tötung ihres Babys habe sie sich zusammen mit ihrer anderen kleinen Tochter ins Bett gelegt und geschlafen.

Sie wollte Zeit gewinnen

Die fortgeschrittene Schwangerschaft habe sie gegenüber ihrem Freund und den Eltern verschwiegen, um Zeit zu gewinnen, habe die 22-Jährige dem Mediziner gesagt. Zeit, um zu überlegen, wie sie ihren Angehörigen am besten mitteilen kann, dass sie erneut ein Kind erwartet. Ihre Mutter habe sie unterdessen in dem Glauben gelassen, dass sie erst in der elften Woche schwanger ist. Nachdem sie der Mutter gesagt habe, sie hätte einen Termin für eine Abtreibung vereinbart, habe diese ihr keine weiteren Fragen mehr gestellt und sie in Ruhe gelassen.

Der Göttinger Neuropathologe Prof. Dr. Wolfgang Brück, der ebenfalls als Gutachter beauftragt worden ist, erklärte, dass er eine Einblutung unter den weichen Hirnhäuten des getöteten Mädchens festgestellt habe. Als Ursache nannte der Mediziner ein Trauma - eine Gewalteinwirkung am Kopf. Die Verletzungen könnten sowohl bei der Geburt, durch Schläge, als auch bei dem Fall in die Toilette entstanden sein.

Wie es zu der Tat kommen konnte, darauf hatte auch ein enger Freund der Familie gestern im Zeugenstand keine Antwort. „Ich kann es mir nicht erklären“, sagte der 40-jährige Mann, der mit den Eltern der Angeklagten seit 20 Jahren befreundet ist. Er und seine Frau hätten die Familie in Fuldabrück regelmäßig besucht und nicht gesehen, dass die 22-Jährige schwanger ist.

„Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass da nichts ist.“ Er sei sich sicher, dass sich die Eltern der Angeklagten auch um das zweite Kind gekümmert hätten. Er sei von dem Zusammenhalt der Familie, die immer gemeinsam etwas unternommen habe, beeindruckt gewesen, sagte der Mann. „Da ist über alles gesprochen worden“, sagte der 40-Jährige.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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