Interview: Ver.di erwägt Gesundheitszentrum für Berufskraftfahrer an der Autobahn

Arzt-Check am Rüssel

Kassel. Unter der Federführung von Prof. Albrecht Goeschel vom Institut für Sozialforschung Verona wird derzeit daran gearbeitet, in Sterzing am Brenner in Südtirol ein Gesundheitszentrum direkt an der Brennerautobahn zu installieren.

Die Gewerkschaft Ver.di Nordhessen will diesem Beispiel folgen und ein entsprechendes Zentrum in Kassel einrichten. Darüber sprachen wir mit Prof. Albrecht Goeschel und Manuel Sauer, Lkw-Experte bei Ver.di Nordhessen.

Warum ist ein Gesundheitszentrum für Berufskraftfahrer an Autobahnen notwendig?

Prof. Albrecht Goeschel: Ein solches Gesundheitszentrum bietet den Fahrern eine ärztliche Versorgung direkt an ihrem Arbeitsplatz und Lebensumfeld. Die ärztliche Bedarfsplanung orientiert sich in Deutschland ausschließlich an der ortsansässigen Bevölkerung. Lkw-Fahrer, die die meiste Zeit unterwegs sind, werden im Grunde nicht berücksichtigt. Dabei bezahlen die 1,6 Millionen Beschäftigten und etwa 500 000 selbstfahrenden Unternehmer in der Branche jedes Jahr etwa neun Milliarden Euro an Krankenkassenbeiträgen. Aber sie haben letztlich nichts davon. Sie brauchen eine eigene Infrastruktur in der Gesundheitsversorgung.

Das heißt, Lkw-Fahrer sind medizinisch unterversorgt?

Manuel Sauer: Ja. Der Gesundheitszustand vieler Lkw-Fahrer ist besorgniserregend. Studien zeigen, dass die Quote chronischer Krankheiten bei dieser Beschäftigungsgruppe deutlich höher ist als bei regionalen Vergleichsgruppen. Die Folgen sind hohe Krankheitszeiten und somit auch eine überdurchschnittliche Fehlzeitenquote, eine verminderte Lebensqualität und Frühverrentungen. Ein Drittel der Fahrer ist über 50 Jahre alt. Gleichzeitig steht die Branche vor einem Nachwuchsproblem.

Was bietet ein Gesundheitszentrum an Autobahnen?

Goeschel: Es sollte einen Gesundheits-Check bieten, mit einem medizinischen und einem Schlaflabor ausgestattet sein, ein Rehabilitations-Angebot beinhalten sowie die Möglichkeit, Fahrer mit akuten Problemen in Krankenhäuser einzuweisen.

Warum kommt gerade Kassel als Standort infrage?

Sauer: Nordhessen ist eine der größten Lkw-Regionen in Deutschland. Über die Autobahnen rund um Kassel fahren derzeit täglich etwa 23 000 Lastwagen. Außerdem haben in der Region eine Vielzahl von Logistik-Unternehmen, darunter die größten Speditionen Deutschlands, ihren Sitz.

Goeschel: Außerdem ist in Kassel mit zahlreichen Krankenhäusern und dem Klinikum eine hervorragende gesundheitliche Infrastruktur vorhanden.

Welche Vorteile hätte ein solches Zentrum für die Region?

Sauer: Es würde zur Sicherung der Arbeitsplätze in der Region und durch eine regelmäßige Gesundheitsvorsorge und Behandlungsmöglichkeiten zu einer Senkung der Ausfallzeiten der Fahrer beitragen. Auf lange Sicht könnte ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung des Personals geleistet werden. Außerdem wäre es ein Aushängeschild für eine der Top-Logistik-Regionen in Deutschland, indem man für die Schwächsten in der Kette ein Gesundheitsangebot bietet. Auch auf Gesundheitsbranche und andere Wirtschaftszweige in der Region könnten davon profitieren.

Welchen Standort haben Sie im Auge?

Sauer: Der Lohfeldener Rüssel wäre aus unserer Sicht ideal. Dort wäre eine entsprechende Infrastruktur vorhanden. Und es würde den Standort aufwerten.

Wer soll ein solches Zentrum bezahlen?

Goeschel: Der Betrieb könnte über die Krankenkassen finanziert werden. Man müsste nur von den neun Milliarden Euro, die die Branche an Beiträgen bezahlt, aber im Grunde nichts dafür bekommt, abzweigen. Wir haben seitens der Krankenkassen bereits positive Signale erhalten. Zudem könnten Mittel aus der betrieblichen Gesundheitsvorsorge in das Projekt fließen. Außerdem gibt es im Gesundheitsfonds derzeit einen Überschuss von rund 20 Milliarden Euro. Das Geld ist vorhanden.

Für die Nutzung durch ausländische Fahrer wäre beispielsweise eine Maut-Lösung denkbar. Unser Ziel ist der Aufbau eines europaweiten Netzes von Gesundheitszentren an Autobahnen.

Wer bezahlt den Bau und die Ausstattung?

Goeschel: An Bau und Ausstattung könnten sich beispielsweise Krankenhaus-Betreiber beteiligen. Dafür müsste man ein bis zwei Millionen Euro einkalkulieren. Es wäre in etwa mit einer großen Facharztpraxis vergleichbar.

Alle Bestandteile sind vorhanden, sie müssen nur neu gemischt werden. Und der politische Wille, ein solches Zentrum in Kassel einzurichten, muss vorhanden sein.

Wie geht es jetzt weiter?

Sauer: Ein Ziel der Konferenz „Logistik und Gesundheit“ ist es, gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Möglichkeiten für die Umsetzung eines Gesundheitszentrums für Lkw-Fahrer in Kassel zu diskutieren und Partner für das Projekt zu gewinnen. (mkx)

Von Mirko Konrad

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