Ärtztemangel in Kassel

Arzt per Anzeige gesucht: Parkinson-Patienten wollen mit Annonce Neurologen finden

Kassel. Für viele neurologische Patienten in Stadt und Landkreis Kassel ist die Not nach wie vor groß. Parkinson-Patienten überlegen sogar, per Anzeige nach einem Neurologen als Nachfolger zu suchen.

Neue Patienten haben große Schwierigkeiten, einen Termin beim Facharzt zu bekommen, und für die anderen sind die Wartezeiten auf einen regulären Termin oft Monate lang. Weil ein weiterer Neurologe aus Altersgründen seinen Arztsitz aufgeben wird, tragen sich Parkinson-Patienten sogar mit dem Gedanken, per Anzeige nach einem Neurologen als Nachfolger zu suchen.

Patienten schlugen Alarm

Bereits im vergangenen Jahr schlug die Parkinson-Vereinigung Alarm, nachdem ein Neurologe seinen kassenärztlichen Sitz aufgeben hatte. Viele seiner Patienten suchten verzweifelt einen Neurologen, der sie weiter behandeln würde (wir berichteten).

Dieses Problem trifft aber auch Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Epilepsie, Demenz oder Erkrankungen des peripheren Nervensystems, schildert der Kasseler Neurologe Christoph Lassek. Da angesichts der älter werdenden Bevölkerung chronisch neurologische Erkrankungen zunehmen und die neurologische Versorgung in der Fläche schlecht sei, sodass viele Patienten von weit her nach Kassel kommen, sei das mit insgesamt acht Neurologen in der Stadt und zweien im Landkreis gar nicht zu machen. „Wir Ärzte können nicht mehr als arbeiten“, hofft der Mediziner auf Verständnis von neuen Patienten, die – abgesehen von Notfällen – abgewiesen werden müssten. Anders könnten die eigenen Patienten nicht mehr adäquat behandelt werden. Neben Lassek arbeiten drei weitere Neurologen in der großen Gemeinschaftspraxis, die im Quartal rund 4000 Patienten behandelt, darunter rund 600 mit Multipler Sklerose.

„Da läuft doch etwas schief bei uns“, klagt Patientin Christa Thiel (66) und berichtet von vielen Odysseen durch das Gesundheitssystem. Weil sie unter Parkinson, Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz) und starken Schmerzen leide, könne sie es oft nicht aushalten bis zum nächsten Termin bei ihrem Neurologen. Drei Monate müsse sie jeweils warten.

Die Vorsitzende der Kasseler Selbsthilfegruppe der Deutschen Parkinson-Vereinigung, Vera Borchers, hört häufig davon, dass neue Patienten in den Praxen nicht angenommen werden. Deshalb hoffen die betroffenen Patienten, dass der freiwerdende Arztsitz wieder mit einem Neurologen besetzt wird. Per Anzeige wollen die Kasseler Parkinson-Patienten bundesweit nach einem Facharzt suchen, der sich ihrer und anderer neurologischer Patienten annimmt. Bislang scheint jedoch kein Nachfolger in Sicht. 

Engpass oder Überversorgung?

Der Mangel an Neurologen nicht nur in Kassel hat auch den Berufsverband deutscher Nervenärzte in Hessen längst auf den Plan gerufen. „Schon heute bestehen ohne Zweifel Engpässe in der neurologischen Versorgung“, heißt es in einem Brief an den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und Sozialminister Stefan Grüttner.

Während mit steigendem Lebensalter der Bevölkerung chronische neurologische Erkrankungen zunehmen, sinke die Zahl der Neurologen. Es fehlt nicht nur an medizinischem Nachwuchs. In Hessen sei es zudem äußerst schwierig frei werdende KV-Sitze eines Nervenarztes oder eines Neurologen neu zu besetzen.

Das liege auch daran, dass hessische Nervenärzte im Vergleich zu anderen Bundesländern mit Abstand am schlechtesten bezahlt werden. Pro Quartal und Patient erhält ein Neurologe in Hessen 38,76 Euro, während sein Kollege im benachbarten Niedersachsen 66,64 Euro abrechnen kann. Viele Kollegen scheuten das wirtschaftliche Risiko, sich mit einer neurologischen Praxis in Hessen niederzulassen, weiß auch der Kasseler Neurologe Christoph Lassek. Hinzu kommt, dass in Hessen zu der Arztgruppe Nervenärzte Neurologen, Psychiater sowie Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie gezählt werden.

Ein freiwerdender Arztsitz wurde in Kassel sogar einmal mit einem Schmerztherapeuten besetzt. So kommt es, dass die KV die Stadt Kassel für die Arztgruppe der Nervenärzte mit 133 Prozent sogar als überversorgt ansieht – während die Realität vor allem für die Patienten ganz anders aussieht. „Es ist nicht zu verantworten, dass Patienten auf der Straße stehen“, mahnt Lassek. Auch die Versorgung von neurologischen Patienten in Pflegeheimen sei schwierig.

Um die Situation zu entschärfen, müssten die Sitze der einzelnen Fachgebiete künftig anders eingeordnet werden. Dann blieben statt der von der KV gerechneten 18,8 Sitze von Nervenärzten tatsächlich nur acht Neurologen übrigen. Weil dies zu wenig sei, müssten mehr Arztsitze eingerichtet werden. Um dann tatsächlich auch Ärzte dafür zu gewinnen, sei auch eine bessere Vergütung nötig.

Aber auch die Patienten selbst könnten etwas tun, um die Situation zu entschärfen: „Ungefähr zehn Prozent der Patienten sagen ihre Termine nicht ab“, schildert der Neurologe. Diese ungenutzte Zeit könnten andere Patienten dringend brauchen.

Zudem seien etwa ein Drittel der Patienten, die zum Beispiel aufgrund von Depressionen oder Rückenschmerzen ohne Überweisung einen Termin beim Neurologen machen, dort letztlich fehl am Platz. Um solche Fehlzuweisungen zu vermeiden, sei es sinnvoll und wünschenswert, dass die Patienten zunächst den Hausarzt aufsuchen.

Rubriklistenbild: © Foto: dpa

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