"Jameda ist eine der schlimmsten Erfindungen"

Kritik an Jameda: So leiden heimische Ärzte unter schlechten Bewertungen im Netz

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Viel Lob, aber auch sehr harte Worte: Patienten können bei Jameda ihre Ärzte anonym kritisieren.

Bei Jameda werden Ärzte wie Schüler mit Noten beurteilt. Wie gehen Ärzte mit heftiger Kritik auf dem Bewertungsportal um? Drei Mediziner berichten.

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs hat die Bewertungsplattform Jameda in die Schlagzeilen gebracht. Das Portal muss die Daten einer Kölner Allgemeinmedizinerin löschen, die nicht auf dem Portal vertreten sein wollte, auf dem Kollegen, die als Premiumkunden bezahlen, bevorteilt werden. Trotzdem kann auf Jameda weiterhin gelobt und auch kritisiert werden. Hier erzählen drei Mediziner aus der Region, die zum Teil sehr schlechte Noten erhielten, nach dem Urteil von ihren Erfahrungen.

Erpressungen bei Jameda

Birgit Schill (61, Allgemeinmedizinerin, Gudensberg, 10 Bewertungen, Gesamtnote: 4,0):

Ich will gar nicht wissen, was bei Jameda über mich steht. Dort kann sich jeder äußern, egal, wie qualifiziert er ist. Und niemand muss den Beweis erbringen, dass er falsch behandelt wurde. Ein Patient schrieb bei Jameda über mich, dass man bei mir schneller Mahnungen bekomme als einen Termin. Ich dachte nur: "So ein dummes, kleines Arschloch."

Ich mache den Beruf jetzt 35 Jahre und habe noch nie jemandem nach dem Mund geredet. Manche Leute, die seit Jahren Atemwegserkrankungen haben, wollen aber hören, dass sie ruhig weiter Rauchen können. Will jemand gepauchpinselt und beschissen werden, gibt es genügend jüngere Kollegen, zu denen er gehen kann. Ich bin bekannt dafür, dass ich meine Meinung sage.

Manche Leute erpressen einen und drohen: "Wenn Sie das nicht machen, wechsel ich den Hausarzt." Der Umgangston ist rauer geworden. Als vor Jahren die Praxisgebühr eingeführt wurde, hieß es, wir seien alle Verbrecher. Zudem muss man als Arzt ungewaschene Leute behandeln, die drei Tage lang nicht die Klamotten gewechselt haben und wie ein Biber stinken. Ich wünsche mir, dass man Ärzten mehr Respekt entgegenbringt. Denn der Beruf macht mir immer noch Spaß.

Birgit Schill

"Jameda gehört verboten"

Allgemeinmediziner aus Nordhessen, der anonym bleiben will (Note: 4,9):

Ich halte Jameda für eine der schlimmsten Erfindungen überhaupt. Diese Meinungsmache ist total manipulierbar. Ärzte, die sich nicht zum Erfüllungsgehilfen ihrer Patienten machen, bekommen schlechte Bewertungen und können sich nicht dagegen wehren. Das ist geschäftsschädigend und sollte verboten werden. Jedes Hotelbewertungsportal ist da differenzierter.

Ich selbst schaue da nie rein, aber Freunde sagen mir schon mal, wenn ich eine schlechte Bewertung erhalten habe. Wird man kritisiert, ist das natürlich nicht motivierend. Ich versuche, das darum gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Zu mir kommen vor allem ältere Leute. Die nutzen Jameda nicht. Internetaffin sind vor allem die unter 40. Die sind zwar immer mehr vernetzt heutzutage, meiner Ansicht nach werden sie aber auch dümmer. Das ist erschreckend. Zudem hat ihr Anspruchsdenken unerfüllbare Dimensionen erreicht.

Manche Kollegen sagen Bekannten, sie sollten bei Jameda schreiben, dass er der beste Arzt der Welt sei. Das machen die dann auch. Viele positive Beurteilungen von Medizinern kann ich nicht nachvollziehen.

Mundpropaganda wichtiger

Gerd Rauch (59, Orthopäde, Kassel, Mannschaftsarzt des Handball-Bundesligisten MT Melsungen, 76 Bewertungen, Note: 3,6):

Gerd Rauch

Ich lese meine Beurteilungen bei Jameda nicht. Aber meine Mitarbeiter informieren mich, wenn dort etwas Gravierendes steht. In einer großen Praxis, wie wir es sind, muss es Rückkopplungen geben. Wird die Kritik konstruktiv vorgebracht, versuchen wir etwas zu ändern. Natürlich gewinnen Bewertungsportale wie Jameda immer mehr an Bedeutung, aber viel wichtiger ist für uns die Mundpropaganda. Im persönlichen Kontakt kann man vieles besser klären. So sind mir Patienten, die mir eine Mail schreiben, wichtiger - auch wenn sie negative Kritik äußern.

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