Im Edeka-Markt Aschoff und Rewe-Center im dez

Kassieren wird zur Kundensache: SB-Kassen in Kasseler Supermärkten

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Die USA machen es vor: Kundin Marianne Thiel und Aschoff-Mitarbeiterin Naomi Watteeuw an der Selbstbediener-Kasse.

Kassel. SB-Kassen halten Einzug in Kassel. Seit einem Monat bieten zwei Lebensmittelmärkte ihren Kunden die Möglichkeit, Einkäufe eigenständig zu erfassen und zu bezahlen.

Bis vor Kurzem waren in der Region Automaten zur Selbstbedienung lediglich Kunden von Ikea und Baumärkten vertraut.

Anfang November hat Robert Aschoff sein Edeka-Geschäft an der Frankfurter Straße mit vier SB-Stationen neben den sechs herkömmlichen Kassen ausgestattet. Einige Tage später öffnete im dez ein Rewe-Center, als erstes in Nordhessen ebenfalls mit SB-Kassen. Kunden lesen mit einem Scanner die Barcodes auf den Waren ein und bezahlen mit Karte oder bar.

Edeka-Händler Robert Aschoff hat eine Schwäche für Innovationen. Erst vor wenigen Monaten hatte er sieben seiner Kassen für das sogenannte Cash-Handling umgerüstet. Hier scannt der Kassierer die Ware zwar noch ein, das Geld gibt der Kunde aber selbst in die Klappe eines elektronischen Terminals, das anschließend auch das Wechselgeld herausgibt.

Jetzt war Aschoff der erste unter Kassels Lebensmittelhändlern, der Selbstbediener-Kassen eingeführt hat. Unter allen Edeka-Händlern im Absatzgebiet Hessen-Ring ist er eigenen Angaben zufolge damit Vorreiter. Wer nun vermutet, die Kunden seien von dieser neuen Möglichkeit, ihren Einkauf zu erledigen, verunsichert, der irrt. „Es gibt keinerlei Akzeptanzprobleme“, sagt Aschoff nach dem ersten Monat.

Ein großer Teil, darunter viele Senioren, steuert die neue Kasse zielstrebig an. An der Station erwartet sie Mitarbeiterin Naomi Watteeuw. Unaufdringlich aber aufmerksam fragt sie: „Möchten sie, dass ich Ihnen erkläre, wie die Kasse funktioniert?“ Marianne Thiel (69) nimmt die Hilfe bereitwillig an. Sie schlägt sich tapfer. „Wenn man den Bogen raus hat, ist das in Ordnung“, sagt sie und fügt hinzu: „Das ist die Zukunft.“ Und der wolle sie sich nicht verschließen.

„Ich find’s gut und komme damit zurecht“, sagt auch Harald Blumenstiel (80), nachdem er sich alles hat erklären lassen. „Ist doch prima, wenn man für zwei Teile nicht mehr lange anstehen muss.“

Für diese Kunden mit wenig Ware sei die Kasse ideal, sagt Aschoff. Er betont, dass kein Kunde mit der Selbstbedienungs-Kasse allein gelassen werde: „Hier stehen immer Mitarbeiter bereit, um bei Bedarf zu helfen“. Personal werde durch das neue System nicht abgebaut, versichert er.

Seine Erfahrung: „Die Kunden scannen in der Regel sehr sorgfältig.“ Gezahlt wird bar oder mit Karte. Angst vor Diebstählen hat Aschoff nicht. Der Kassenbereich sei gut einsehbar. Dadurch, dass die Ware vor und nach dem Einscannen gewogen wird, würden Unregelmäßigkeiten vermieden. Die Stationen (eine kostet geschätzt 25.000 Euro) seien „technisch und pflegetechnisch sehr anspruchsvoll“.

So geht es: Die waren müssen an der Selbstbedienungskasse vom Kunden selbst gescannt werden.

Aschoff ist dennoch überzeugt, dass sich die Investition lohnt: „Wir sparen durch den schnelleren Bezahlvorgang Zeit. Die Kunden sind zufrieden, wir haben einen größeren Kundendurchlauf und die Parkplätze sind kürzer belegt. Kundenzufriedenheit ist für mich ein klarer Wettbewerbsvorteil und ihr Geld wert.“

So funktioniert das automatisches Bezahlsystem an den Kassen:

Wissenswertes zu SB-Kassen:

1966 gab es bereits in einem Selbstbedienungsladen in Zürich SB-Kassen. Dabei mussten die Kunden die Preise selbst in die Kasse eingeben.

Bei den heutigen SB-Kassen führt der Kunde selbst jede Ware einzeln an einem Barcode-Leser vorbei. Anhand des Codes wird über eine Datenbank der Preis ermittelt und in der Kasse addiert.

Bei einigen Systemen – wie im Edeka-Markt Aschoff – wird über eine Datenbank das Gewicht des Artikels festgestellt und das Gesamtgewicht des Einkaufs ermittelt. Alle Artikel werden gewogen und die gespeicherten Einzelgewichte der Waren werden mit dem Gewicht des gesamten Einkaufs verglichen. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Artikel, die sich im Wagen befanden, gescannt und damit bezahlt wurden.

Andere Systeme arbeiten mit einem Handscanner. Der Kunde scannt die Artikel bereits im Markt während des Einkaufs. Bezahlt wird, ohne dass die Artikel für den Kassiervorgang erneut gescannt werden müssen. Die Daten aus dem Handscanner werden elektronisch an die Kassenterminals übermittelt. Die Bezahlung des Einkaufs kann im Regelfall bar, per Karte oder Gutschein erfolgen.

Die Verbreitung von SB-Kassen in Deutschland:

Das schwedische Möbelhaus IKEA und die SB-Warenhauskette Real waren vor zehn Jahren auf diesem Gebiet Pioniere in Deutschland, sagt Frank Horst vom Kölner Handelsforschungsinstitut EHI.

Bislang hinke Deutschland bei der Verbreitung dieser Kassen weit hinter anderen Ländern wie den USA und Großbritannien her. „SCO-Kassen sind im Einzelhandel die Ausnahme und machen in Deutschland weniger als 0,3 Prozent aus“, sagt Horst. Von den bundesweit 300 Märkten mit SB-Kassen gehörten rund 90 zu Real, circa 45 seien Ikea-Filialen und 30 Edeka- sowie Rewe-Märkte.

Im Gegensatz zur geringen Verbreitung sei die Kundenakzeptanz von SB-Stationen groß, so Horst. Auch in Kassel äußern sich die Kunden zufrieden. Ali Oussayfi (78), der bei Aschoff zum ersten Mal an einer SB-Kasse stand, sagte: „Man kann doch alles lernen.“

Kritik kommt von den Gewerkschaften. Verdi-Fachsekretär Manuel Sauer sieht in SB-Kassen eine Gefährdung von Arbeitsplätzen: „Faktisch wird hier Personal eingespart.“

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