Astrid-Lindgren-Schule: Neuer Rektor leitet bald eine Schule ohne Schüler

Kassel. Boris Reichenbach ist der neue Leiter der Astrid-Lindgren-Schule, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen und einem angebundenen regionalen Beratungs- und Förderzentrum (BFZ). Zurzeit wird sie noch von drei Klassen besucht. Wenn die Schüler 2017 die Schule verlassen, leitet Reichenbach eine Schule ohne Schüler.

Der 46-Jährige Boris Reichenbach muss grinsen angesichts dieses Bildes, mit dem er, wie er sagt, öfter konfrontiert wird: „Was machen Sie denn an einer Schule ohne Schüler?“ werde er gefragt. Tatsache ist, dass Reichenbach als Leiter des an der Lindgren-Schule verorteten BFZ die Mammutaufgabe schultert, für alle Kasseler Schüler Verantwortung zu tragen.

Er ist der Vorgesetzte von knapp 80 Lehrern, hauptsächlich Förderschullehrern, aber auch anderen Pädagogen sowie Sozialarbeitern, mit denen er das Modell Inklusion in die Praxis umsetzt. Als BFZ-Leiter ist er der Ansprechpartner für alle Schulen.

Inklusion, also das Recht aller Schüler auf Unterricht in einer Regelschule, unabhängig von einer Behinderung oder Beeinträchtigung, verändert zurzeit die Schullandschaft. Sie bewirkt, dass kein Schüler aussortiert und automatisch auf eine Förderschule geschickt wird.

Boris Reichenbach

Allerdings muss im Gegenzug für das Gelingen von inklusivem Unterricht an den Schulen zusätzlich Personal eingesetzt werden, vorwiegend Förderschullehrer. Sie sind dafür da, dass in den Klassen alle Schüler von der Inklusion profitieren. Skeptischen Eltern hält Reichenbach entgegen: „Kein Kind wird vom Lernen abgehalten, im Gegenteil“: Schüler lernten mehr, etwa Teamfähigkeit. „Das ist es, was wir als Gesellschaft brauchen.“ Vorwiegend arbeite das BFZ vorbeugend.

Standort für die BFZ-Pädagogen ist die Lindgren-Schule. Hier haben sie ihre Fächer, ihre Materialien für Förderung und Diagnostik, und es finden die Zusammenkünfte statt. Von diesem zentralen Ort in Wehlheiden schwärmen sie aus an ihre Einsatzschulen. „Wir sind ein Brainpool für Inklusion“, sagt Reichenbach. Unter dem Motto „Beraten, fördern, diagnostizieren“ bespreche man auch Einzelfälle. „So lösen wir oft gemeinsam den Knoten.“

Das BFZ verteile die Kollegen nicht nur nach Schülerzahl, sondern nach individuellen Kriterien. „Ich versuche eine gute Mischung an Fachkräften für eine Schule hinzubekommen.“ Die Pädagogen in den Teams konzentrierten sich hauptsächlich auf die Bereiche Lernen und Sprache sowie auf die emotional-soziale Entwicklung der Kinder. Bei Schülern mit Defiziten im Bereich Hören und Sehen sowie körperlichen Behinderungen kommt Verstärkung aus den überregionalen BFZ.

Reichenbachs Fazit nach zwei Monaten im Amt: „Ich stelle an den Schulen ein Wir-Gefühl fest.“ Trotzdem möchte er weiterhin „für Inklusion begeistern“. Mit seiner mitreißenden Art, vielen Ideen und einem gepflegten Netzwerk kann ihm das gelingen.

Zur Person

Boris Reichenbach (46) hat in Köln Förderschullehramt studiert. Sein Referendariat hat er an der Baunsbergschule in Baunatal gemacht. Nach einer Stelle als Lehrer in Hofgeismar, kam er nach Kassel unter anderem mit einer Abordnung ins Staatliche Schulamt. Von 2001 an arbeitete er unter anderem als stellvertretender Leiter für den Bereich Grund-, Haupt-, Real- und Förderschule im Studienseminar. Der Fußballfan hat als Jugendtrainer beim OSC Vellmar gewirkt. Als leidenschaftlicher Musiker (an der Gitarre) kam er in die überregionalen Medien, weil er mit seinen Schülern eine Hip-Hop-CD aufgenommen hatte. Reichenbach ist verheiratet und Vater von vier Kindern im Alter zwischen 15 und 26 Jahren. Er lebt mit seiner Familie in Kassel.

Hintergrund

Seit 2015 gibt es die Kooperationsvereinbarung zwischen der Stadt und dem Land Hessen über die „Modellregion inklusive Bildung“. Es bedeutet, dass im Zuge des Rückbaus des Förderschulsystems die allgemeinbildenden Schulen mit zusätzlichem Fachpersonal ausgestattet werden. Das Land hat zugesichert, die im Förderschulsystem gebundenen Stellen konstant zu halten und für die Inklusion zur Verfügung zu stellen. Kultusminister Dr. Alexander Lorz sagte, dass es sich um eine „Umsteuerung und Wahrung des Bestands“ handele und Eltern auch künftig eine Förderschule für ihre Kinder wählen könnten. Gleichwohl wird sich Kassels Förderschullandschaft verändern und am Ende auf eine Schule für jeden Förderschwerpunkt reduziert sein: auf die Wilhelm-Lückert-Schule für den Bereich Sprache/Sehen /Hören, für körperlich-motorische Beeinträchtigungen die Alexander-Schmorell-Schule und die August-Fricke-Schule für den Bereich geistige Entwicklung. Für den Bereich Lernen derzeit die Osterholz- und die Pestalozzischule.

Rubriklistenbild: © dpa

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