Gema: Veranstalter und Musiker finden Gebühren-System zu kompliziert

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Ihnen fällt das Notenlesen leichter, als die Gema-Regeln zu verstehen: Edgar Delpho und Elvira Prall vom Blasorchester des TSV 1891 Oberzwehren.

Kassel. Die Gema will ab 2013 ihr Gebührensystem reformieren. Einfach wird es aber keinesfalls. Wir trafen uns mit einem Kasseler Orchester, und erfuhren, welche Bürokratie die Gema produziert und dass es wichtig ist, ob Kaffee und Kuchen oder die Musik eine Veranstaltung dominieren.

Die Gema macht vor dem Friedhofstor nicht halt: Wenn die Kasselerin Elvira Prall mit ihre Tuba auf einer Beerdigung „Time to say goodbye“ spielen würde, wären dafür 15 Euro bei der Verwertungsgesellschaft für Musikrechte fällig. Dies ist in einem der unzähligen Tarife festgehalten, mit denen die Gema jedes öffentliche Abspielen oder Aufführen lizenzpflichtiger Musik mit Gebühren belegt. Für die Musikerin des Blasorchesters des TSV 1891 Oberzwehren übertreibt es die Gema mit ihrer Reglementierung.

„Völlig überzogen“

„Da blickt keiner mehr durch“, sagt Edgar Delpho, Vorsitzender des Blasorchesters. Ohne Frage müssten die Urheber der Musik ihr Auskommen haben, aber der bürokratische Aufwand, den die Gema auch kleinen Vereinen abverlange, sei völlig überzogen. „Wir müssen bei jedem Auftritt eine Liste mit allen Liedern einreichen, die wir spielen. Weil wir auf die Stimmung im Publikum reagieren müssen, ist das im Vorfeld kaum möglich“, sagt Delpho.

Die Gema will aber noch mehr wissen: Wie groß der Veranstaltungsort ist, ob Eintritt erhoben wird, wie hoch dieser ist, ob es eine Bewirtung gibt, ob Musik auch von CD eingespielt wird und ob das Konzert Bestandteil einer Veranstaltung oder der Hauptgrund ist.

Was viele für Haarspalterei halten würden, hat deutliche Auswirkungen auf die Gebühren, hat Delpho festgestellt: „Wenn wir im Rahmenprogramm des Schlachtefestes auftreten, zahlen wir 70 Euro an die Gema. Für unsere Frühlings- oder Herbstkonzerte werden 350 bis 400 Euro fällig.

Tarif-Wirrwarr

Grund für diese Gebührendifferenz sind unterschiedliche Tarife: Sprich, wenn die Musik nur Beilage zum Treiben um eine Fleischplatte ist, greift der Tarif U-VK und die Gema erhält in der Regel weniger Geld. Kommen die Gäste, um vor allem die Musik zu hören, wird der Auftritt - je nach Genre - in die Tarife für Unterhaltungsmusik (U-K) oder ernsthafter Musik (E-K) eingeordnet. In der Tat sei es relevant, ob es um die Musik gehe oder ob es die Musik zum Kaffee- und Kuchennachmittag dazu gebe, sagt Gaby Schilcher, Sprecherin der Gema.

Delpho hat in den vergangenen Tagen Post bekommen. Darin informiert die Gema über ihre Tarifreform und verspricht Vereinfachungen. Diese kann der Vereinsvorsitzende nicht erkennen. Deshalb wälzt er bei der Konzertplanung die Gema-Anmeldung gern auf andere ab - insofern es jemanden gibt, der stattdessen als Veranstalter auftritt.

Beim Lesen der Gema-Unterlagen muss Prall lachen. „Auch Musik auf Anrufbeantwortern kostet. Deshalb ist da immer so ein schreckliches Gedudel zu hören. Das ist wohl lizenzfrei.“ Auf Nachfrage bei der Gema, ob man glaube, dass Grab-Lieder tatsächlich von den Angehörigen angemeldet würden, sagt deren Sprecherin: „Ich will es hoffen. Es geht ja nicht viel vom Erbe ab.“ Häufig übernimmt der Bestatter die Abwicklung.

Hintergrund:

Für das Abspielen oder Aufführen von Musik muss dann eine Gebühr bezahlt werden, wenn der Urheber noch lebt oder nicht länger als 70 Jahre tot ist. Der private Gebrauch von Musik ist nicht Gema-pflichtig. Das Ständchen für einen Vereinskameraden ist somit gebührenfrei. Spielen Musiker hingegen für den Bürgermeister zum Geburtstag, hat die Veranstaltung unter Umständen schon öffentlichen Charakter. Einige Institutionen, etwa Kirchen und der Landessportbund, zahlen für reguläre Veranstaltungen wie die modernere Musik im Gottesdienst oder den Kapellen-Auftritt zu Sportlerehrungen eine Pauschale. Für Sonderveranstaltungen werden extra Gebühren erhoben. Nicht in die Kirchenpauschale fallen Beerdigungen, weil dort die Angehörigen als Veranstalter auftreten. (bal)

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