Berufungskammer spricht Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Ex-Frau frei

Auch das Opfer schweigt

Kassel. Manchmal verbirgt ein einfacher Satz, so klar er auch scheint, mehr als er aussagt. Dieser hier zum Beispiel: Nach nur dreistündiger Verhandlung sprach das Kasseler Landgericht einen 33-Jährigen vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Ex-Frau frei und entsprach damit der einhelligen Forderung von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

Das klingt glatt und eindeutig, nach erwiesener Unschuld und kurzem Prozess. Doch genau das war es nicht. Vor fast vier Jahren, im Juli 2008, soll sich der Angeklagte an der heute 26-Jährigen vergangen haben. Soll, als sich das Paar bereits getrennt hatte, aber noch in der gemeinsamen Wohnung lebte, die Frau mit Schlägen zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben – in einem Zimmer, in dem gerade die kleine Tochter schlief.

Im November 2009 war der gelernte Schlosser deshalb vom Kasseler Amtsgericht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Doch der Mann ging in Berufung. Vor rund zwei Jahren wurde erstmals vor der Berufungskammer des Landgerichts verhandelt. Der Prozess damals endete ohne Urteil, aber mit einem Teilerfolg für den Angeklagten: Seine Ex-Gattin musste sich einem psychologischen Glaubwürdigkeitsgutachten unterziehen. Nachdem das Ergebnis vorlag, konnte das Verfahren nun ein drittes Mal beginnen.

Und es nahm eine überraschende Wendung: Nicht nur der Angeklagte schwieg, auch sein mutmaßliches Opfer machte von dem Aussageverweigerungsrecht für Angehörige Gebrauch. Mit einer bitter klingenden Begründung freilich: „Es ist mir einfach zu viel geworden“, sagte die 26-Jährige. „Ich halte den Druck nicht mehr aus.“

Bevor die zierliche, fast kindlich wirkende Frau auf dem Zeugenstuhl Platz nahm und diese Sätze sprach, hatte ihr Anwalt mit Gericht, Staatsanwalt und Verteidigung ausgiebig hinter verschlossenen Türen beraten. Mehr als 90 Minuten war die Verhandlung unterbrochen. Was dabei erörtert wurde, erfuhr die Öffentlichkeit nicht. Und auch das Gutachten blieb geheim: Weil die Frau die Aussage vor Gericht verweigerte, durften auch ihre Äußerungen gegenüber dem Psychiater nicht mehr verwendet werden.

Vieles spricht jedoch dafür, dass der Sachverständige die Glaubwürdigkeit der 26-Jährigen in Zweifel gezogen hat. Und die Frau es nach anwaltlicher Beratung deshalb vorzog, zu schweigen und sich das erneute Kreuzverhör zu ersparen. Beweisen, sagte sie, könne sie die Tat nun einmal nicht: „Ich habe keinen anderen Zeugen außer mir.“ Und außerdem sei ihr mittlerweile egal, ob ihr Ex-Mann verurteilt werde.

Daraufhin blieb nur noch der Freispruch. Und die Hoffnung, dass so auch der gesamte Scheidungsstreit endlich zu den Akten gelegt werden kann. „Sie sind jetzt wirklich auseinander“, sagte Richterin Marion Gerstung-Vindelstam. „Zumindest justizmäßig gesehen.“ (jft)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.