Die Fälle Yozgat und Beckurts: Terror von links ist ebenfalls mit Kassel verknüpft

Auch Platz für RAF-Opfer? Politik ist gegen "Gedenk-Inflation"

Nach dem Anschlag: Am 9. Juli 1986 zerfetzte eine ferngesteuerte Bombe nahe München das Auto des Siemens-Managers. Karl Heinz Beckurts war sofort tot, auch sein Fahrer Eckart Groppler starb. Foto: Archiv

Kassel. Zum Gedenken an Halit Yozgat, der vor sechs Jahren von der rechtsradikalen Terrorzelle NSU ermordet wurde, soll der Platz vor dem Hauptfriedhof in Halit-Platz umbenannt werden. Für diese Entscheidung hatte die Stadt Kassel Lob geerntet, aber auch viel kritische Reaktionen aus der Einwohnerschaft.

Viele äußerten sich in dem Sinne: Wenn die Täter Rechte und die Opfer Migranten seien, werde prompt über Straßen- und Platzumbenennungen debattiert – bei Gewalttaten anderer Hintergründe aber nicht.

Karl Heinz Beckurts Foto: Archiv

Dabei wurden allerlei Beispiele ins Feld geführt, die meist anders gelagert sind als der Fall Halit Yozgat. Bei ihm geht es den Gedenk-Initiatoren darum, Kassel als Schauplatz eines bundesweiten Terrorgeschehens zu kennzeichnen. Ein Mordfall mit Kassel-Bezug aus der jüngeren Geschichte ist aber vergleichbar: Karl Heinz Beckurts wurde vor mehr als 25 Jahren von Linksterroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordet. Der spätere Siemens-Manager hat nach dem Krieg mit seiner Familie einige Jahre in Kassel gelebt, an der heutigen Albert-Schweitzer-Schule machte er sein Abitur.Sehen Sie hier eine HNA-Seite von 1986 über Beckurts (PDF-Dokument zum Herunterladen)

Am 9. Juli 1986 zerfetzte nahe München eine Bombe das Auto mit Beckurts und seinem Fahrer Eckart Groppler. Beide starben am Tatort, wo auch ein Bekennerschreiben gefunden wurde. Die Täter jedoch wurden nie gefasst. Wie auch Halit Yozgat musste Beckurts sterben, weil sich der anonyme, politisch motivierte Hass der Täter auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe Bahn brach. An Beckurts statuierten die RAF-Terroristen ein Exempel, weil ihnen der Siemens-Forschungsleiter als Repräsentant der deutschen Rüstungs- und Atomindustrie galt. Als Karl Heinz Beckurts mit 56 Jahren sterben musste, hinterließ er eine Frau und drei Kinder.

Hans-Ulrich Füllhase hat früher einige Jahre Tür an Tür mit Familie Beckurts an der Westfalenstraße 10 gewohnt. Er gehört zu jenen, die meinen, auch für das RAF-Opfer Beckurts müsse es einen Ort des Gedenkens in Kassel geben: „Ich denke schon, dass er eine wichtige Person für die Stadtgeschichte ist“, sagt der 79-Jährige.

Füllhase könnte sich eine Gedenktafel mit biografischen Angaben zu Karl Heinz Beckurts vorstellen – „an einem Platz, wo viele Menschen sind“. Auf dem Gelände der Albert-Schweitzer-Schule hätte solch eine Tafel zu wenig Außenwirkung, meint der frühere Nachbar. Auch eine nach Beckurts benannte Straße in Kassel hält Füllhase für denkbar – „dann aber mit einem erklärenden Zusatzschild“.

Von Axel Schwarz

Politik ist gegen „Gedenk-Inflation“

Vorbehalte gegen Beckurts-Stätte überwiegen

urückhaltend bis ablehnend äußerten sich die Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung zu der Frage, ob es nach dem Halit-Platz auch für das RAF-Terroropfer Karl Heinz Beckurts einen Gedenkort in Kassel geben sollte. Wenn dieser Wunsch von einer breiteren Öffentlichkeit geäußert würde, sei die SPD gesprächsbereit, sagte Vize-Fraktionschef Christian Geselle.

Für zwingend halte er solch eine Einrichtung aber nicht: „Man muss aufpassen, dass das nicht inflationär wird.“ Im Prinzip aber müsse mit Terror von rechts wie von links in gleicher Weise umgegangen werden. So sieht es auch Dr. Norbert Wett von der CDU. Der Unterschied zum Fall Halit Yozgat aber sei, dass sich der Mord an Beckurts nicht in Kassel ereignet habe.

Für den ehemaligen Siemens-Manager gebe es bereits eine Gedenkstätte auf dem Münchner Konzerngelände sowie eine nach ihm posthum benannte Stiftung. „Damit ist dem Gedenken hinreichend Genüge getan“, findet Wett. Bedarf für einen weiteren Erinnerungsort in Kassel sieht auch Gernot Rönz von den Grünen nicht. Die RAF-Ära „liegt lange zurück und ist vielfach aufgearbeitet“. Im Fall Yozgat aber habe Kassel „besondere Verantwortung, weil er erst durch das Versagen staatlicher Behörden möglich wurde“. Es gehe weiterhin darum, im von Migranten geprägten Wohnumfeld des Opfers ein symbolhaftes Bekenntnis abzugeben.

Die FDP ist laut Frank Oberbrunner gegen einen Beckurts-Gedenkort, weil sie „immer neue Ansprüche“ von Interessengruppen befürchtet. „Eine Inflation solcher Stätten würde letztlich das Gedenk-Anliegen herabwürdigen“, meint der Liberale. Zudem würden sich die regelmäßigen Veranstaltungen am Volkstrauertag auch auf Opfer politisch motivierter Gewalt wie Beckurts beziehen. Norbert Domes von der Kasseler Linken findet, um die Widmung von Gedenkstätten solle am besten gar keine öffentliche Auseinandersetzung geführt werden, „um keine kontraproduktiven Ressentiments zu wecken“.

Das Thema sei in den politischen Gremien am besten aufgehoben. Einen Beckurts-Gedenkort fände Dr. Bernd Hoppe von der Piraten-Fraktion „überlegenswert, falls die Fälle tatsächlich vergleichbar sind“. Dazu müsse sich die Stadtpolitik eine Meinung bilden, die Piraten seien zu Gesprächen bereit. In der Halit-Platz-Debatte jedenfalls habe Oberbürgermeister Hilgen „sehr angemessen und klug reagiert“, sagte Hoppe. (asz)

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