Ausgeprägte Duz-Kultur in vielen Unternehmen

Chefs bieten Mitarbeitern das Du an: Wieso Firmen das Siezen abschaffen

Wollen wir Du sagen oder beim Sie bleiben? Diese Frage wird in vielen deutschen Büros gestellt. Für unser Foto stellen die HNA-Mitarbeiter Ute Fehr und Felix Stackebrandt eine Szene nach. Beide sind per Du.
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Wollen wir Du sagen oder beim Sie bleiben? Diese Frage wird in vielen deutschen Büros gestellt. Für unser Foto stellen die HNA-Mitarbeiter Ute Fehr und Felix Stackebrandt eine Szene nach. Beide sind per Du.

Nicht nur Wintershall-Chef Mario Mehren lässt sich von seinen Mitarbeitern duzen. Auch andere Firmen schaffen das Sie ab. Verändert das die Wirtschaftskultur?

Kassel – Im Februar 2020 hatte Wintershall-Chef Mario Mehren das „Suzen“ satt. So nennt man es, wenn man ständig zwischen „Du, Mario“ und „Sie, Herr Mehren“ wechselt. Also bot der Geschäftsführer des in Kassel ansässigen Öl- und Gaskonzerns in einem Monats-Meeting allen weltweit 2500 Mitarbeitern das Du an. Seitdem ist Herr Mehren selbst für die Auszubildenden der Mario.

Im Unternehmens-Blog schrieb der 51-Jährige, er sei überzeugt, „dass wir kein Sie brauchen, um respektvoll miteinander umzugehen“. Das Du schaffe „einen Dialog auf Augenhöhe“. Denn daran mangelte es bei Wintershall Dea damals. Laut einer internen Umfrage 2017 bewerteten Mitarbeiter die Unternehmenskultur „als zu hierarchisch, unmodern, veraltet“.

Heute wertet Mehren das Du als „gemeinsamen Schritt in eine dynamische, weniger hierarchische Zukunft“, wie er unserer Zeitung sagt. Wie bei Wintershall Dea denkt man in immer mehr heimischen Unternehmen. Bei international tätigen Konzernen wie Ikea, H&M und Amazon gehörte das Du schon immer zur Firmen-DNA – und das nicht nur, weil es im Englischen nur ein You gibt.

Heute hört man das deutsche Du selbst in der Bankenbrache, in der sich laut Umfragen vor Kurzem lediglich 20 Prozent duzten. So wird bei der Evangelischen Bank in Kassel laut einem Sprecher „eine ausgeprägte Duz-Kultur gelebt. Ein Sie ist nur noch äußerst selten in der bankinternen Kommunikation zu hören.“

Allerdings ist es nicht zu empfehlen, dass die neue Duz-Kultur von oben angeordnet wird, wie eine Umfrage der Hochschule Osnabrück herausgefunden hat. Generelles Duzen ist demnach nur etwas beliebter als generelles Siezen. Die meisten bevorzugen es, wenn sie selbst entscheiden können, wem sie das Du anbieten.

So ist es letztlich auch bei Wintershall Dea. „Bei uns gibt es keinen Zwang zum Du, sondern nur die Bitte und Aufforderung, den Wechsel vom förmlichen Sie zum höflichen Du auszuprobieren“, sagt Chef Mehren. Es sei eine Frage des Respekts, weiter beim Sie zu bleiben, wenn das jemand wünsche. Allerdings kenne er keinen Mitarbeiter, der weiter gesiezt werden will.

Ähnlich sieht man das beim Heizungshersteller Viessmann aus Allendorf, wo der Co-Vorstandsvorsitzende Max Viessmann ebenfalls allen Mitarbeitern das Du angeboten hat. „Weil wir uns als große Familie fühlen, nutzen die meisten auch das Du“, sagt ein Sprecher.

Auch im VW-Werk in Baunatal gibt es keine einheitliche Regelung für die 17 000 Mitarbeiter, laut einem Sprecher werde jedoch „abteilungsübergreifend zunehmend geduzt“. Dafür sorgen auch Signaturen in E-Mail-Adressen, die viele mit dem Hinweis #GernPerDu versehen.

Bei VW hat man festgestellt, dass das Du nicht nur zu einem „unbeschwerten Umgang miteinander“ führt, sondern auch zu „einem besseren Ergebnis am Arbeitsplatz“, wie es der Sprecher formuliert: „Beschäftigte haben mehr Mut, ihre Gedanken frei auszutauschen und verlieren Hemmungen, gemachte Fehler und Kritik offen anzusprechen.“

Noch weiter gehen junge Unternehmen wie der Smartphone-Hersteller Shift aus Wabern-Falkenberg, wo durchweg geduzt wird. „Sich zu siezen, würde sich falsch anfühlen“, sagt Gründer Samuel Waldeck. Das spiegelt sich auch im Umgang mit den Kunden wider, die das kleine Start-up mit Vorbestellungen unterstützen: „Meist sprechen wir auch unsere Kunden mit einem Du an. Es sei denn, sie wünschen die Ansprache per Sie.“ Waldeck glaubt, dass sich das Du durchsetzen wird, denn: „Das Siezen hält das Gegenüber auf Distanz.“

Zudem „ist Siezen zu kompliziert und dauert zu lang“, wie Peter Breuer vom Kaufunger Eventtechnik-Unternehmen Ambion sagt. Wie üblich in der Branche wird auch in seiner Firma schon immer geduzt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Mitarbeitender das mal infrage gestellt hat.“

Mit der Sprache verändern sich übrigens auch die Kleidungsvorschriften, wie Mehren bei Wintershall Dea festgestellt hat. Es wird lockerer: „Krawatten beispielsweise werden von vielen Kollegen heute zu privaten Anlässen wohl deutlich häufiger getragen als im Büro. So auch bei mir.“ (Matthias Lohr)

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