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Pilotprojekt: Jobcenter Kassel sucht Kunden auf und berät sie

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Von: Christina Hein

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Schild Bundesagentur für Arbeit mit Menschen im Hintergrund.
Kontakt abgerissen: Viele, vor allem junge Leistungsberechtigte, sind – auch durch Corona bedingt – abgetaucht. Das Jobcenter Kassel bietet Besuche von Mitarbeitern an. © Patrick Seeger/dpa

Ein Pilotprojekt findet bundesweit Beachtung: Das Jobcenter Kassel sucht seine Kunden auf. Jeder zweite von 470 Abgetauchten wurde erreicht.

Kassel – Seit 19 Jahren ist er arbeitslos, erzählt der 61-jährige Kasseler im Fernsehbeitrag für die ARD-Tagesthemen. Irgendwann habe er die Motivation und die Kraft verloren, sich selber um seine finanziellen und beruflichen Angelegenheiten zu kümmern. Er habe schlicht aufgegeben und alles laufen lassen. Als ihm plötzlich Mitarbeiter des Jobcenters Kassel vorgeschlagen haben, zu ihm nach Hause zu kommen, um ihn zu beraten, habe er das Angebot sofort angenommen.

Es ist bundesweit ein Novum, dass Arbeitsvermittler ihre Leistungsbezieher in deren Wohnungen aufsuchen, anstatt sie mit Einladungsterminen zu überhäufen, auf die im Laufe der Zeit ohnehin nicht mehr reagiert wird.

Das Interesse an dem Kasseler Pilotprojekt ist in der gesamten Republik enorm. Wöchentlich fragen andere Jobcenter an, um sich zu informieren. Bundesweit berichten die Medien, und Projektleiterin Cornelia Hellmer ist inzwischen zu einer gefragten Referentin in Sachen aufsuchende Jobcenter-Arbeit geworden.

Seit April hat das Jobcenter Kassel drei erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit beauftragt, diejenigen Kunden im eigenen Wohnumfeld aufzusuchen, die länger als sechs Monate „trotz Bemühungen unsererseits“, so Cornelia Hellmer, keinen Kontakt mehr zum Jobcenter hatten.

Cornelia Hellmer, Jobcenter Kassel
Cornelia Hellmer Jobcenter Kassel © Fischer, Andreas

Zu Beginn gibt es einen freundlich formulierten Brief. Darin heißt es: „Wir haben so lange nichts mehr von Ihnen gehört und machen uns Sorgen um Sie. Geht es Ihnen gut? Gerne würden wir mit Ihnen ins Gespräch kommen.“ Nicht wenige Leistungsbezieher reagierten darauf positiv. Kommt es dann zu einem Termin, machen sich die Mitarbeiter zu zweit auf den Weg. Das diene nicht nur der eigenen Sicherheit, so Jobcenter-Mitarbeiter Martin Häckl, sondern vermittele in der Kombi Mann und Frau häufig auch Vertrauen und ein beruhigendes Gefühl bei den Kunden.

Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Von bisher 470 abgetauchten Kunden konnten seit Beginn des Projekts circa die Hälfte erreicht werden. „Diese Kunden waren in der Regel sehr überrascht und dankbar, dass das Jobcenter nun auch den Weg auf sich nimmt, sie zu Hause aufzusuchen, um Unterstützungsmöglichkeiten anzubieten“, so Hellmer. „Parallel dazu haben wir gemeinsam mit einem Bildungsträger ein Life-Coaching entwickelt, das wir den Kunden zusätzlich zu unserer Unterstützung anbieten und das gerne in Anspruch genommen wird.“

Beispielsweise von dem 28-jährigen Kasseler, bei dem sich ein ganzes Paket an Problemen angehäuft hatte, denn neben der Arbeitslosigkeit liegt der junge Mann, der Drogen konsumiert, auch im Clinch mit der Polizei, und es haben sich Schulden angehäuft. Dass er jetzt mit seinem vom Jobcenter vermittelten Coach unter anderem ein Entschuldungskonzept erarbeiten kann, macht ihm auch Mut, einen Arbeitsplatz zu finden.

Nicht alle Kunden reagieren so aufgeschlossen auf das Angebot. Nicht selten stehen Häckl und seine Kollegin Fatma Edeer-Cetin auch vor verschlossenen Türen, trotz eines vereinbarten Besuchs. Nein, frustriert sei sie darüber nicht, wenn es am Tag nach sieben vereinbarten Terminen nur zu einem einzigen Gespräch kommt, sagt Fatma Edeer-Cetin: „Man muss die Lebensrealitäten akzeptieren.“ Letztlich zeige es nur all zu deutlich, dass die Menschen Unterstützung benötigen. Und die wolle man ihnen gerne immer wieder anbieten.

„Die Gründe, warum der Kontakt der Kunden zum Jobcenter abgebrochen ist, sind vielfältig“, sagt Cornelia Hellmer. Es zeichnet sich jedoch ein deutlicher Trend in Richtung psychischer Erkrankungen ab. Entwickelt hatte Hellmer das Projekt, nachdem sich der Trend manifestierte, dass immer mehr – vor allem Jugendliche – sich nicht mehr meldeten. Corona habe diese Tendenz noch verstärkt. „Das wollten wir so nicht hinnehmen“, so Hellmer: „Gerade in Anbetracht des anstehenden Bürgergeldes, das im nächsten Jahr an die Stelle des bisherigen Arbeitslosengeldes II tritt, sind wir uns sicher, dass wir mit dieser neuen Arbeitsform den richtigen Weg gefunden haben, um wieder mehr Kundennähe herzustellen.“

Info: Jobcenter Kassel, Lewinskistraße 4, jobcenter-stadt-kassel.de

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