Allein unter Männern

In den Aufsichtsgremien städtischer Unternehmen sind kaum Frauen vertreten

Einzige Lösung? Sollte die Frauenquote kommen, könnte es nach dieser Karikatur von Harm Bengen in manchem Aufsichtsrat zu schwierigen Fragen kommen. Illustration: Harm Bengen

Kassel. Richtig bewusst wurde Eva Koch ihre Sonderstellung, als sie kürzlich die Einladung zur Aufsichtsratssitzung der Netcom GmbH in Händen hielt. In der Anrede hieß es „Sehr geehrte Frau Koch, sehr geehrte Herren“. Als einzige Frau in dem Kontrollgremium ist die Stadtverordnete der Kasseler Grünen keine Ausnahme.

Im Schnitt sind in Aufsichtsräten städtischer Firmen Frauen zu 18 Prozent vertreten. Spitzenreiter ist der Klinik-Konzern Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) mit 35 Prozent.

In einigen Gremien kommt der Anteil von knapp einem Fünftel nur durch Vertreterinnen der Arbeitnehmer zustande. Aus Magistrat und Stadtverordnetenversammlung werden teils gar keine Frauen entsendet, wie zum Beispiel bei Kassel Marketing, Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) und Sparkasse. Letztere ist kein direktes städtisches Unternehmen, sondern in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft. Aber dem Verwaltungsrat gehören vorwiegend Mitglieder politischer Gremien von Stadt und Kreis an.

Koch findet, dass es so nicht bleiben kann. „Ich bin für die Quote“, sagt sie. „Sonst dauert es zu lange.“ Einen festen Wert habe sie nicht im Kopf. „In einem angemessenen Verhältnis“ sollten Frauen vertreten sein. Als Orientierung könnte die Zusammensetzung der Stadtverordnetenversammlung dienen. Schließlich werde der Parteienproporz auch berücksichtigt.

Eva Koch

Inzwischen habe sie sich daran gewöhnt, dass sie sich meist in einer Männerwelt bewege, sagt Koch. Gleichwohl falle es ihr schwer, sich am Netzwerken der Männer zu beteiligen. Bei üblichen Themen wie Fußball und Autos könne sie nicht so recht mitreden. Dabei seien Small Talks wichtig, um beim Netzwerken eine Ebene zueinander zu finden.

Ob sich mit mehr Frauen in diesen Gremien vieles ändern würde, mag Koch nicht voraussagen. „Aber Frauen neigen nicht so zu Machtkämpfen.“ Vielleicht öffneten sie auch einen anderen Blick, zum Beispiel auf familienverträglichere Arbeitszeiten und Beschäftigungsmodelle. Und womöglich würde es auch mehr Frauen in Geschäftsführungen und Vorständen geben.

Das sagen die Fraktionen

Alle wollen einen höheren Frauenanteil

Vertreter in Aufsichtsgremien städtischer Firmen entsenden die großen Stadtverordneten-Fraktionen SPD, Grüne und CDU. In der SPD-Fraktion übernehmen das die jeweiligen Fachsprecher, teilte Geschäftsführer Patrick Hartmann mit. Etwa 20 Prozent der SPD-Aufsichtsratsposten seien von Frauen besetzt.

Abgesehen von Justizministerin Eva Kühne-Hörmann bei der documenta GmbH sitzen keine Frauen für die CDU in städtischen Kontrollgremien. Aber ein höherer Frauenanteil sei erstrebens- und wünschenswert, sagte Fraktionschef Dr. Norbert Wett. Die CDU orientiere sich bei der Wahl von Aufsichtsräten an den Fachgebieten der jeweiligen Fraktionsmitglieder. Entscheidend sei Fachkompetenz.

Die Linken-Fraktion würde eine Quote unterstützen, um den Frauenanteil zu erhöhen, sagte die frauenpolitische Sprecherin Vera Kaufmann. Aber auch ohne Quote sei ein höherer Anteil möglich, wenn sich die Zusammensetzung der Gremien stärker an der Zusammensetzung der Stadtverordnetenversammlung orientiere.

Bernd Häfner, Vorsitzender der Fraktion FWG / Demokratie erneuern, ist für eine gleichberechtigte Verteilung. Aber die großen Fraktionen teilten die Aufsichtsratsposten unter sich auf. Dass wenig Frauen berufen werden, zeige, „dass, was in Sonntagsreden auf Bundesebene postuliert wird, bei den gleichen Parteien auf Stadtebene keine Unterstützung findet“.

Von Claas Michaelis

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