1. Startseite
  2. Kassel

Auftrieb für „Querdenker“: Verfassungsschutz warnt vor Radikalisierung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Protest der „Freien Bürger Kassel“ vor dem Rathaus Kassel.
Teilnehmerzahlen bei „Querdenker“-Veranstaltungen nehmen wieder merklich zu: Protest der „Freien Bürger Kassel“ vor dem Rathaus. © Matthias Lohr

Die „Querdenker“ erhalten wieder mehr Zulauf - auch in Kassel. Experten und Politiker warnen vor einer Radikalisierung und sogar Gewalttaten.

Kassel – An diesem Samstag wollen die „Querdenker“ in Kassel wieder etwas gegen die Spaltung der Gesellschaft tun, wie sie es nennen. Schon seit einiger Zeit stellen sie vor dem Rathaus Kerzen auf. „Gespritzte Menschen“ zünden rote an, „ungespritzte“ weiße. So nennt Mitorganisator Felix Blessmann Geimpfte und Ungeimpfte. Die Aktion soll verdeutlichen, „dass wir uns nicht spalten lassen“, sagt er.

Seitdem vielerorts 2G-Regeln gelten und über eine allgemeine Covid-Impfpflicht diskutiert wird, erhalten die „Freien Bürger Kassel“ wieder mehr Zulauf. „Viele haben das Gefühl, dass sie nicht länger tatenlos zusehen können“, sagt Philipp Kolodziej, der ebenfalls seit Monaten Demos gegen die Corona-Maßnahmen organisiert. Experten und Politiker befürchten jedoch, dass der Protest gewaltsam werden könnte.

Gerade hat der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) vor einer Radikalisierung der „Querdenker“ und Impfgegner-Szene gewarnt. Die Bevölkerung rief er zu Wachsamkeit auf. Wer etwas Verdächtiges im öffentliche Raum wahrnehme, solle es der Polizei melden.

Auftrieb für „Querdenker“ in Kassel: Verfassungsschutz warnt vor Radikalisierung

Auch der hessische Verfassungsschutz beobachtet mit Sorge, dass Veranstaltungen gegen die Corona-Maßnahmen und Teilnehmerzahlen „aktuell merklich zunehmen“, wie ein Sprecher mitteilt. Die Programmatik der „Querdenker“ sei „anschlussfähig für gewaltorientierte Akteure“.

So nahmen vor einer Woche an einer „Querdenker“-Demo in Frankfurt auch Mitglieder der rechtsextremistischen Partei „Der III. Weg“ teil. Die Verfassungsschützer sorgen sich, „dass sich Angehörige der Szene offenbar auch dann nicht von Rechtsextremisten abgrenzen, wenn diese offen unter dem Label einer bekannten rechtsextremistischen Partei auftreten“.

Die Experten aus Wiesbaden verorten in Kassel „eine gefestigte Szene der „Querdenker“ mit „regionalen, bundesweiten sowie internationalen Vernetzungsbestrebungen“. Wer die Kommunikation in ihren Gruppen im Messengerdienst Telegram verfolgt, wird immer wieder auf krude Verschwörungen stoßen. Man sieht Profilbilder mit Reichsbürger-Ästhetik. Und manche bewerben gefälschte Impfpässe. Eine Frau schrieb, dass man ihr bei Interesse nur eine persönliche Nachricht schicken solle.

Sie wollen wissen, was in der Region Kassel los ist? Dann abonnieren Sie unseren neuen kostenlosen Newsletter mit den besten Geschichten aus Stadt und Landkreis Kassel.

Auftrieb für „Querdenker“ in Kassel: „Noch nie standen die Zeichen so deutlich auf Gewalt wie jetzt“

Der Journalist Alexander Roth aus Waiblingen, der die „Querdenker“ seit eineinhalb Jahren bundesweit beobachtet, urteilt: „Noch nie standen die Zeichen so deutlich auf Gewalt wie jetzt.“ Die Mitglieder der Telegram-Kanäle hätten ein „geschlossen verschwörungsideologisches Weltbild. Informationen von außerhalb der Blase dringen nicht mehr durch.“

Dies führt zu Taten wie in Idar-Oberstein, wo ein Mann einen Mitarbeiter einer Tankstelle erschoss, weil der ihn auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte. Oder wie in Königs Wusterhausen, wo ein Familienvater seine Frau, drei Kinder und sich selbst tötete. Nachdem herausgekommen war, dass er das Impfzertifikat seiner Frau gefälscht hatte, soll er Angst gehabt haben, man würde ihm seine Kinder wegnehmen.

Kolodziej von den „Freien Bürgern“ versichert: „Extremismus, egal, von welcher Seite, ist das, was wir schon immer abgelehnt haben.“ Problematisch findet er vor allem den „Extremismus von staatlicher Seite“ – etwa „die zunehmende Entmenschlichung der Andersdenkenden“.

Auftrieb für „Querdenker“: Ärztin rief bei vergangener Demo dazu auf, notfalls das Land zu verlassen

Bei der Demo vor zwei Wochen war er Ordner, als die umstrittene Duderstädter Ärztin Carola Javid-Kistel auf der Rathaus-Treppe für Aufsehen sorgte. Sie nannte Impfungen eine „biologische Waffe“ und rief dazu auf, notfalls das Land zu verlassen – wie die Juden, die sich noch rechtzeitig vor den Nazis retteten.

Für „Querdenker“ ist dies keine Verharmlosung des Holocaust. Sie betonen stattdessen noch einmal die angeblichen Parallelen zwischen Pandemie und NS-Zeit, wie uns eine Frau antwortete: „Wann in der Geschichte der BRD hat es Einschränkungen für gesunde Menschen in dieser Form gegeben? Solche Einschränkungen gab es zuletzt in der Nazizeit. Auch dort wurde eine Gruppe von Menschen als Gefahr für die Volksgesundheit ausgemacht.“ Ihren „geliebten Job im pädagogischen Bereich“ hat sie wegen der „völlig unsinnigen und gesundheitsschädlichen Maßnahmen für Kinder“ aufgegeben. (Matthias Lohr)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion