Fredericka Mandelbaum 

Wie eine Frau aus Kassel zur Königin der Unterwelt in New York wurde

New York und Brooklyn in den 1850er Jahren. Gemnalt von Theodore Muller. (1819-1879) (Classic Vision)
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New York der 1850er Jahre: An der Spitze der Unterwelt stand eine Frau aus Kassel. (Archivbild)

Bis an die Spitze der Unterwelt von New York hat sie es geschafft. Wie eine Frau aus Kassel die erste Millionärin der Stadt wurde.

Kassel / New York – Als sie Kassel 1850 verließ, war sie bettelarm. In New York wurde sie zur bekanntesten Gangsterin der Stadt und verkehrte mit der High Society: Mother Mandelbaum, die Königin der Diebe.

Am vergangenen Sonntag (02.01.2022) wurde in der ZDF-Dokumentationsreihe „Terra X“ mit dem Titel „Ein Tag in New York 1882“ über Fredericka Mandelbaum, die heutzutage nahezu in Vergessenheit geraten ist, berichtet. In dem Beitrag wurde auch erwähnt, dass sie in Kassel geboren worden ist. Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Frau an der Spitze der Unterwelt von New York: Hier verbrachte sie ihre Kindheit in Kassel

Friederika Weisner, so lautete der Mädchenname von Mandelbaum, wurde am 25. März 1825 als Tochter einer jüdischen Familie in der Kasseler Altstadt geboren. Sie war die Tochter von Samuel Abraham und Regine Weisner. Mandelbaum hatte zwei ältere Brüder und vier jüngere Geschwister. Laut Kassels Adressbuch aus dem Jahr 1834 lebte die Familie damals in der Theresienstraße 548.

Wohnort der Familie Weisner in der Theresienstraße in der Kasseler Altstadt: Hier verbrachte die spätere Königin der New Yorker Unterwelt ihre Kindheit.

Diese Straße gibt es heute nicht mehr. Es handelte sich um eine Verbindungsstraße zwischen der Müllergasse und Schäfergasse. Nach Angaben von Florian Franzmann, Mitarbeiter des Stadtarchivs, wurde die Theresienstraße ab 1766 als untere Schäfergasse (abknickend von der Oberen Schäfergasse) geführt.

Kassel im 18ten Jahrhundert: Vulgäre Straßennamen wurde umbenannt

Karl-Hermann Wegner, früherer Leiter des Stadtmuseums, vermutet, dass es sich bei der Theresienstraße auch um einen Heiligennamen für eine Straße gehandelt haben könnte. Landgraf Friedrich II von Hessen-Kassel (1720 bis 1785) seien viele Straßennamen in der Kasseler Altstadt zu vulgär gewesen. Deshalb habe er sie nach Heiligen umbenannt. Sollte das so sein, scheint das aber keine Auswirkung auf die spätere Berufswahl von Fredericka gehabt zu haben. Im Adressbuch war der Beruf ihres Vaters Samuel Weisner als Handelsmann festgehalten.

Die Theresienstraße befand sich in unmittelbarer Nähe zur Kasseler Synagoge in der Bremer Straße. Dort lebten damals zahlreiche Juden, so Franzmann. Vergleichbar sei das heutzutage mit Oberzwehren, wo viele Moslems wegen der Nähe zur Moschee am Mattenberg hinziehen würden.

Antisemitismus vertrieb die Familie – Weisner gründete seine Familie in Kassel

Rona Holub, Direktorin des Graduiertenkollegs für Frauengeschichte am Sarah Lawrence College in New York, hat in einem Aufsatz über Mandelbaum geschrieben, dass ihr Großvater ein Kaufmann war, wahrscheinlich ein umherziehender Hausierer. Die Familie sei in der Kasseler Region verwurzelt gewesen. Frederickas Urgroßeltern waren im 18. Jahrhundert in das Dorf Abterode (heute Werra-Meißner-Kreis) gezogen.

Juden galten in Abterode allerdings als Außenseiter und wurden oft körperlich angegriffen. Einige hätten Schutzgelder gezahlt, um Übergriffe zu vermeiden. „Die religiöse Intoleranz der Gemeinde mag einer der Gründe für den Wegzug der Familie gewesen sein“, schreibt Holub. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum Samuel Weisner und seine Brüder später in Schwerin, Herzogtum Mecklenburg, beziehungsweise Grebenstein (Kurhessen-Kassel) geboren wurden. Samuel Weisner gründete seine Familie schließlich in Kassel.

Spätere Königin der New Yorker Unterwelt: Hatte Frau Mandelbaum am Königsplatz die Schulbank gedrückt?

In Kurhessen sei es Juden damals besser als anderswo ergangen, sagt Karl-Hermann Wegner. In der Kurhessischen Verfassung von 1831, die relativ liberal war, hätten sie alle bürgerlichen Rechte genossen. Wegner weist auch daraufhin, dass es durchaus möglich gewesen ist, dass Fredericka die Freischule am Königsplatz, in der kein Schulgeld erhoben wurde, besucht hat.

Unabhängig von den genauen Umständen, so Wissenschaftlerin Holub, habe Fredericka einen scharfen Intellekt, eine starke Arbeitsmoral und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickelt. Mandelbaum unterhielt auch immer starke Bindungen zu ihren traditionellen Wurzeln. An allen Orten, an denen sie lebte, besuchte sie die Synagoge und habe diese unterstützt.

Aus Kassel nach New York: In den USA begann der Aufstieg der Kasslerin

Am 26. November 1848 heiratete sie Wolf Israel Mandelbaum, einen Hausierer aus Grebenstein. Auch sie arbeitete als Hausiererin, bis sie nach der Geburt des ersten Kindes mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierte.

Die Mandelbaums ließen sich 1850 während der großen Welle deutscher und irischer Einwanderung in die USA in New York City nieder. Mandelbaum kam arm an und baute, beginnend als Hausiererin, ein erfolgreiches Geschäft als kriminelle Unternehmerin auf.

1884: Frau aus Kassel an der Spitze der größten kriminellen Vereinigung New Yorks

Bei Wikipedia heißt es: Als die Familie in New York ankam, gründete sie eine Reihe kleinere Geschäfte, die Müll wiederverwerteten und verkauften. Die Mandelbaums kauften einen Trockenwarenladen in der Clinton Street. Ab 1854 dienten ihre Ladengeschäfte als Tarnung für organisierte kriminelle Transaktionen. Taschendiebstahl, Raub und Schutzgelderpressung waren Haupteinkünfte. Bis 1884 wuchs ihre „Marm’s Grand Street Gang School“ zur größten kriminellen Vereinigung New Yorks.

Das war eine Schule, um Kriminelle zu rekrutieren und ihnen Taschendiebstahl beizubringen. Damals verkehrte Mandelbaum auch in der High Society, in der sich neben Unterweltbossen Personen aus Politik, Justiz und Polizeiapparat bewegten. Sie kannte den Polizeipräsidenten. Ihre Tochter Anna war mit einem führenden Politiker verheiratet, heißt es bei „Terra X“. Die Königin der Unterwelt schien unantastbar zu sein.

Nach der Spitze kam der Fall: Spitzel wurde der Königin aus Kassel zum Verhängnis

Bis 1884, als die Bezirksstaatsanwaltschaft eine V-Frau in Mandelbaums Organisation einschleuste, um sie mittels eines Scheingeschäfts zu überführen. Als sie zusammen mit ihrem Sohn Julius und ihrem Prokuristen auf Kaution vorläufig freigelassen wurde, floh Fredericka Mandelbaum mit geschätzt einer Million US-Dollar nach Hamilton in Ontario, Kanada. Dort starb sie 1894.

Mandelbaums Ausstrahlung war einer der Schlüssel zu ihrem Erfolg, so sagt es die Wissenschaftlerin Holub. Sie scheine eine charmante Frau gewesen zu sein, die sich bei einer heterogenen Gruppe von Menschen einschmeicheln konnte: Elite-Kriminelle, „legitime“ Geschäftsleute, die nach ihrer Inhaftierung ihre Kaution gestellt haben, sowie Mitglieder der Strafjustiz, einschließlich der Polizei, Richter und Staatsanwälte. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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