Drei quälend lange Jahre

Amtsgericht: Justizfachangestellte erzählen über Ausbildungsalltag

Kassel. Die 24-jährige Anna B. (Name von der Redaktion geändert) träumte von einem spannenden Job bei der Justiz. Als sie mit ihrer Ausbildung zur Justizfachangestellten am Kasseler Amtsgericht anfing, merkte sie bald, dass sie sich getäuscht haben könnte.

Es wurden drei Jahre, die ihr quälend lang vorkamen. Heute kann sie wieder lachen, wenn sie zurückdenkt: „Im Winter war es besser, da hatte man Schal und Jacke dabei. Im Sommer hatte ich immer Abdrücke im Gesicht, wenn ich auf dem Tisch einschlief.“

Ihre Ausbildung beim Amtsgericht liegt ein paar Monate zurück, genauso wie die von Sven K. (Name geändert). Die Erinnerungen sind aber noch sehr präsent. Nicht in allen Abteilungen, die sie durchlaufen mussten, hätten sie ihre Arbeitszeit stundenlang mit Computerspielen, Filmen und Schlafen verbracht – aber es sei auch nicht die Ausnahme gewesen. Der Leerlauf habe sich oft nach den ersten zwei Wochen in einer Abteilung eingestellt, wenn das Wesentliche erklärt war.

Gedanke an Abbruch

Spielen am Arbeitsplatz? Was für manchen wie ein Paradies für Auszubildende scheinen mag, war für die beiden jungen Kasseler schrecklich. Sie fühlten sich oft unterfordert. „Du stellst dir die Frage: Warum verschwende ich hier mein Leben?“, sagt Anna B. Etliche Auszubildende hätten mit dem Gedanken gespielt, die Ausbildung hinzuwerfen. Dazu zählte auch Sven K., der noch kurz vor der Prüfung zweifelte, ob er durchhalten würde. Andere hätten die Umstände akzeptiert, weil sie die Ausbildung nur als Sprungbrett für den mittleren Dienst sahen.

Die Ursache des Problems ist aus Sicht der beiden Justizfachangestellten die hohe Zahl an Auszubildenden. Für 120 sei einfach nicht genügend geeignete Arbeit vorhanden. „Wenn ich von 7.30 Uhr bis 11 Uhr etwas zu tun hatte, war das ein erfüllter Tag“, sagt Anna B. Dies sei oft nur an den Tagen der Fall gewesen, an denen für anderthalb Stunden Theorie und Fachkunde auf dem Programm standen.

Räumlich getrennt

Gemeinsam mit neun weiteren Auszubildenden saß die 24-Jährige in einem separaten Raum. Einen solchen habe es in fast jeder Abteilung gegeben. In mancher Ausbildungsstation habe einer von jeweils zwei Ausbildern morgens drei bis vier Akten in die Gruppe zur Bearbeitung gelegt und sei dann erst wieder kurz vor Feierabend aufgetaucht. Was in der Zwischenzeit passierte, sei den Ausbildern bekannt gewesen.

Die Auszubildenden hockten über tragbaren Spielkonsolen und besserten in abgedunkelten Räumen ihr Filmwissen auf. „Wir haben zum Beispiel die extra lange Version der ,Herr der Ringe’-Trilogie geschaut. Die Spiele und Filme waren geduldet, sonst hätten wir uns das nie getraut“, sagt Anna B. Wer nach Arbeit gefragt habe, habe meist zu hören bekommen, er solle in Gesetzbüchern lesen.

Von Bastian Ludwig

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