HNA-Leserin entdeckte Texte von Ruth Klüger als Kind in Hessischer Post

Auschwitz-Gedichte 1945 in Kasseler Lokalzeitung abgedruckt

In der Hessischen Post von 1945 war im Juni ein Gedicht der 13-jährigen Ruth Klüger abgedruckt.
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In der Hessischen Post von 1945 war im Juni ein Gedicht der 13-jährigen Ruth Klüger abgedruckt.

Auf unseren Artikel über die vielfältigen Beziehungen, die die im Alter von 88 Jahren verstorbene US-Autorin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger nach Kassel hatte, schrieb uns jetzt HNA-Leserin Hildegard Spitzer (72) von interessanten Recherchen.

Kassel - Auch sie hatte eine virtuelle Begegnung mit der berühmten Schriftstellerin. Für Hildegard Spitzer ein eindrückliches Erlebnis: „Ich empfinde es als etwas ganz Besonderes, dass ich einmal persönlich mit Ruth Klüger in Kontakt getreten bin.“Ein in der Lokalpresse veröffentlichter Zeitungsartikel spielte eine entscheidende Rolle für den Kontakt zwischen Hildegard Spitzer und Ruth Klüger.

„Durch meine Vorliebe für, wie der Kasseläner sagen würde, ahlen Kram habe ich vor einigen Jahren im Internet einige Ausgaben der Hessischen Post aus dem Jahr 1945 erstanden, herausgegeben durch die amerikanische 12. Heeresgruppe für die deutsche Zivilbevölkerung“, schreibt Hildegard Spitzer.

Hildegard Spitzer

In einem Exemplar war unter der Überschrift „Ein Kind schrieb aus Auschwitz...“ der Brief eines 13-jährigen Mädchens mit einigen Gedichten abgedruckt. Dieses Mädchen war Ruth Klüger.

Ein besonders „erschütterndes Dokument“ sei der Schriftleitung der Hessischen Post zugeschickt worden, heißt es in dem Artikel. Dann sind Gedichte abgedruckt, die Ruth Klüger ein Jahr zuvor in Auschwitz aufgeschrieben hatte.

Im Gedicht „Der Kamin“ heißt es: „Täglich hinter den Baracken seh ich Rauch und Feuer stehn, Jude beuge Deinen Nacken, keiner hier kann dem entgehn. Siehst Du in dem Rauche nicht. Ein verzerrtes Angesicht? Ruft es nicht voll Spott und Hohn: Fünf Millionen berg’ ich schon. Auschwitz liegt in meiner Hand, alles, alles wird verbrannt. Täglich hinterm Stacheldraht Steigt die Sonne purpurn auf. Doch ihr Licht wirkt öd und fad, Bricht die andere Flamme auf. Denn das warme Lebenslicht gilt in Auschwitz längst schon nicht. Blick zur roten Flamme hin, Einzig wahr ist der Kamin. Auschwitz liegt in seiner Hand – alles, alles wird verbrannt.“

Deutlich bewegt, schreibt der Redakteur der Hessischen Post: „Einzelne Strophen eignen sich nicht zur Veröffentlichung, denn sie eröffnen das ganze unbeschreibliche Elend, in das die Seele eines Kindes gestoßen wurde.“

Hildegard Spitzer schreibt: „Ich habe die entsprechende Seite kopiert, im Internet recherchiert, wann Ruth Klüger wieder einmal in Deutschland sein würde und damals, 2014, als einzigen Termin eine Lesung in Dachau entdeckt.“

Dank von Ruth Klüger für alten Artikel

Über den dortigen Veranstalter, die evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte, hatte Spitzer ihr die Kopie schließlich zukommen lassen. Die Reaktion kam prompt: „Hocherfreut war ich, als mir Ruth Klüger nur wenige Tage später persönlich dafür gedankt hat.“ In ihrer E-Mail schrieb Klüger: „Liebe Frau Spitzer, ich danke Ihnen herzlich für die Zusendung der Kopie des alten Artikels aus der Hessischen Post. Ich habe ihn jahrelang gesucht, weil ich nicht einmal die Zeitung mehr wusste, an die ich meinen Brief und Gedicht geschickt hatte. Dann ist er vor ein paar Jahren aufgetaucht. Trotzdem bin ich froh, diese Kopie zu haben, besonders auch für die Überschriften aus der damaligen Zeit, die Sie zur Information dazu kopiert haben“.

Weiter schreibt Ruth Klüger: „Das ist nun alles fast 70 Jahre her. Kaum zu glauben. Ich meine mich zu erinnern, dass Himmlers Selbstmord in derselben Ausgabe gemeldet wurde.

Es war wirklich sehr freundlich, dass Sie sich die Mühe machten, mir dieses Stück aus meiner und unser aller Vergangenheit zukommen zu lassen. Mit besten Wünschen, Ihre Ruth Klüger“.

Dazu schreibt Hildegard Spitzer: „Das gründliche Lesen einer Zeitung (nicht nur der täglichen HNA) kann also auch zu einem solchen Glücksfall führen...“

Gern hätte sie Ruth Klüger persönlich erlebt. Dass sie sogar in Kassel war, habe sie zu der damaligen Zeit noch nicht im Fokus gehabt und erst dem HNA-Artikel entnommen. (Von Christina Hein)

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