Interkultureller Kompetenz – Pilotprojekt von Bund und EU

Ausländer besser verstehen: Kassel schult Mitarbeiter

Alltag im Amt für Zuwanderung und Integration: Alexander Wilhelm berät die Kunden in der Behörde im Hansa-Haus an der Kurt-Schumacher-Straße. Foto: Koch

Kassel. Wenn sich Ausländer an Behörden wenden, entstehen dabei immer mal wieder Konflikte. Um die kulturellen Hürden abzubauen, werden derzeit 450 Mitarbeiter der Stadt in interkultureller Kompetenz geschult.

Ziel ist es, dass die Beschäftigten mehr Verständnis im Umgang mit Migranten aufbringen. Dazu ist Kassel als eine von drei deutschen Kommunen an dem Programm „Veris“ (Verwaltungen interkulturell stärken) beteiligt, das von EU und Bund finanziert wird.

Erst kürzlich habe das Jobcenter Kassel einen Rettungswagen rufen müssen, weil ein Streit mit einer Kundin eskaliert sei, sagt Daniel Weber. Der Referent des DGB Bildungswerkes, das die Schulungen organisiert, hält diese auch wegen solcher extremen Fälle für wichtig. „Die Stadt ist oft die erste Stelle, mit der Migranten Kontakt haben. Ein Viertel der Migranten fühlen sich nach einer aktuellen Umfrage durch Verwaltungen diskriminiert“, sagt Weber.

Während der jeweils zwei- bis viertägigen Schulungen, die seit 2012 laufen und Ende 2014 abgeschlossen sind, werden die Alltagserlebnisse der Rathausmitarbeiter mit Ausländern diskutiert und in Rollenspielen analysiert.

Ein Viertel der Migranten fühlen sich nach einer aktuellen Umfrage durch Verwaltungen diskriminiert“

Mancher städtischer Mitarbeiter habe Probleme, das Verhalten von Zuwanderern richtig zu interpretieren und damit adäquat umzugehen, sagt Weber. Als Beispiel nennt er die zum Teil ungewöhnlichen Familienkonstellationen. „Sie laden eine Person zu einem Termin ein und es erscheint die ganze Familie oder vor ihnen sitzt ein Paar und es spricht immer nur der Mann“, berichtet Weber vom Alltag in den Ämtern.

In solchen Fällen sei es wichtig, sich der eigenen Vorurteile bewusst zu werden, aber eben nicht danach zu handeln. Also anstatt die ganze Familie wieder aus dem Büro zu werfen, sei es besser, sich zunächst für das zahlreiche Erscheinen zu bedanken und dann um ein Einzelgespräch zu bitten.

Die Vorurteile der Mitarbeiter seien dadurch beeinflusst, dass sie oft nur mit einem bestimmten Ausschnitt der Bevölkerungsgruppen zu tun hätten. „Rumänen und Bulgaren sind nicht nur arbeitslos, unter ihnen gibt es auch viele Ärzte. Im Jobcenter sieht man aber nur die Arbeitslosen.“

Neben Mitarbeitern der Verwaltung nehmen auch Beschäftigte des Jobcenters und der Stadtreiniger sowie Feuerwehrleute an den Schulungen teil. Gerade Feuerwehrleute stießen bei Einsätzen immer wieder auf sprachliche Hindernisse, sagt Weber. Eine Lösung sei die verstärkte Anwerbung von Personal mit ausländischen Wurzeln. Die Reaktionen auf die freiwilligen Fortbildungen seien „sehr unterschiedlich“, sagt Weber. Sie reichten von „sehr hilfreich“ bis „was soll der Quatsch?!“

Nach dem Koalitionsvertrag von Schwarz-Grün sollen interkulturelle Kompetenzschulungen hessenweit in der Verwaltung eingeführt werden.

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