Soziale Einrichtungen haben sich seit Langem auf Freiwilligendienste eingestellt

Auslaufmodell Zivildienst

Hilfe: Dieser Zivi arbeitete in einer Awo-Begegnungsstätte in Stuttgart, wo er - auf unserem Foto - einer älteren Frau das Mittagessen serviert. Archivfoto: dpa

Kassel. Am 1. Juli endet nicht nur die Wehrpflicht, sondern mit dem Datum ist auch das Ende des Zivildienstes besiegelt. Die letzten Zivis werden im Dezember ihren Dienst beenden. Entstehen damit Engpässe in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen sozialen Einrichtungen? Nein, sagt der Geschäftsführer der Awo Nordhessen, Michael Schmidt. Die politische Entwicklung sei lange bekannt und „kluge Einrichtungen“ hätten sich rechtzeitig darauf eingestellt.

Soziales Jahr

Die Awo arbeite seit Jahren verstärkt mit Freiwilligen, die ein Soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Für viele Tätigkeiten - wie etwa den fahrbaren Mittagstisch - habe man systematisch sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter eingestellt. Waren in den 90er-Jahren in Spitzenzeiten bei der Awo 120 Zivis im Einsatz, so sind es heute nur noch 20.

Dass ihre Zahl ständig abnahm, habe auch damit zu tun, dass immer mehr junge Männer ausgemustert oder gar nicht mehr einberufen wurden, weil sie studierten oder eine Ausbildung machten, sagt der Leiter des Zentrums für Freiwilligen-, Friedens- und Zivildienst der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck, Jens Haupt. Zum Schluss betraf das die Hälfte eines gesamten Jahrgangs. Die Zahl der Wehrdienstleistenden sei reduziert worden, die Einberufungen seien entsprechend gesteuert worden.

Eine Beeinträchtigung der sozialen Infrastruktur durch die Aussetzung der Wehrpflicht und damit des Zivildienstes befürchten die Experten nicht. Diese Auffassung vertritt auch die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer. In einer Stellungnahme heißt es: In den meisten Arbeitsbereichen lässt sich der Wegfall „angemessen kompensieren“.

Das Bild des Rollstuhl schiebenden jungen Mannes stimme ohnehin nicht mehr. Gerade mal 400 Zivis würden derzeit in der individuellen Betreuung Schwerstbehinderter eingesetzt. Solche Plätze könnten auch mit Freiwilligen besetzt werden. „Klar wird es Lücken geben“, sagt Haupt: „Aber Organisationen, die jetzt jammern, haben Fehler gemacht und sich nicht rechtzeitig umgestellt.“ Zivis seien offiziell immer zusätzliche Kräfte gewesen und sollten arbeitsmarktneutral eingesetzt werden.

Haupt blickt zuversichtlich in die Zukunft. Früher mussten sich die Zivildienstleistenden um Plätze bemühen. Jetzt drehe sich das Ganze: Soziale Einrichtungen müssten sich künftig attraktiv präsentieren, damit sich junge Menschen dort bewerben. Im neuen Freiwilligendienst sieht Haupt auch eine gute Möglichkeit für junge Menschen, sich beruflich zu orientieren.

Von Christina Hein

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