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Tritts Kassels neue Dezernentin auch zur Oberbürgermeister-Wahl an?

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Von: Matthias Lohr, Florian Hagemann

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Ehemalige Bundestagsabgeordnete: Die Grünen-Politikerin Nicole Maisch soll Nachfolgerin von Ulrike Gote als Dezernentin werden.
Ehemalige Bundestagsabgeordnete: Die Grünen-Politikerin Nicole Maisch soll Nachfolgerin von Ulrike Gote als Dezernentin werden. © Andreas Fischer/NH

Die Grüne Nicole Maisch soll neue Gesundheitsdezernentin in Kassel werden. Im Interview spricht sie über ihre Pläne.

Kassel – Die ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch soll neue Dezernentin für Jugend, Gesundheit, Bildung und Chancengleichheit in Kassel werden. Das hat ihre Partei diese Woche entschieden. Ob die 40-Jährige tatsächlich Nachfolgerin der nach Berlin gewechselten Ulrike Gote wird, entscheidet sich voraussichtlich im April. Wir sprachen mit Maisch auch über eine mögliche Kandidatur als Oberbürgermeisterin.

Wie lange mussten Sie überlegen, ob Sie sich als Dezernentin bewerben?

Gar nicht lange. Die Nachricht, dass Ulrike Gote als Senatorin nach Berlin geht, kam zwar überraschend. Aber als ich wenig später gefragt wurde, war für mich schnell klar, dass ich mich bewerben möchte.

Kaum eine Dezernentin stand zuletzt so im Blickpunkt wie Gote. Hat erst die Pandemie gezeigt, wie wichtig dieser Posten ist?

Nein, zwar gibt es Politiker wie Gerhard Schröder, der von „Frauen und Gedöns“ redete, aber das hat noch nie gestimmt. Familie, Jugend und Bildung waren schon immer wichtige Ressorts. Gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf treibt viele um. Da haben wir Grünen viel Kompetenz. Das habe ich auch bei der Mitgliederversammlung gespürt, in der ich mich als Kandidatin für den Posten vorgestellt habe.

Maisch als neue Dezernentin in Kassel? Konkrete Corona-Pläne

Wie hätten Sie in der lange diskutierten Frage entschieden, ob es in Schulen Luftfilter geben soll?

Retrospektiv will ich da nicht urteilen. Ich habe in jedem Fall sehr begrüßt, dass die Stadt Kassel stationäre Luftfilter in Klassenräume eingebaut hat, die man nicht lüften kann – etwa wegen des Lärms von einer Hauptverkehrsstraße. Auch die Anschaffung der CO2-Ampeln war eine wichtige Maßnahme. Insgesamt hat Kassel die Empfehlungen des Umweltbundesamtes vollständig umgesetzt. Der Sommer wird für uns Entspannung bringen zum Luftholen, aber Corona wird mit den ersten Sonnenstrahlen nicht vorbei sein. Daher müssen wir weiter daran arbeiten, die Impfquote zu steigern.

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Wie bewerten Sie die Arbeit von Ulrike Gote?

Ich trete in große Fußstapfen. Das gilt für Ulrike Gote und für deren Vorgängerin. Ich hoffe, von ihrer Erfahrung profitieren zu können. Auch deren Vorgängerin Anne Janz, die nun Staatssekretärin im hessischen Sozialministerium ist, wird meine Ansprechpartnerin sein.

Wo wollen Sie neue Akzente setzen?

Die Bildung sowie die Betreuungssituation gerade für Unter-Dreijährige werden Schwerpunktthemen bleiben. Aber andere Themen werden eine ebenso wichtige Rolle spielen. Die Herausforderung an diesem Dezernat ist die immense Themenvielfalt. Es geht vom gesunden Essen in Kitas über den Beitrag des öffentlichen Gesundheitsdienstes zur Klimaanpassung bis zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt.

Maisch nach Rückzug aus Bundestag: Man muss „erst einmal ins normale Leben zurückfinden“

Wäre es angesichts dieser Themenvielfalt nicht angebracht, die Zuständigkeit der Dezernenten anders zuzuschneiden?

Nein, das steht derzeit nicht zur Debatte. Ich bewerbe mich für das bestehende Portfolio. Was im Jahr 2023 passiert, sehen wir dann. Im Koalitionsvertrag steht, dass den Grünen das Vorschlagsrecht für drei Dezernenten und Dezernentinnen inklusive des Amts des Bürgermeisters oder der Bürgermeisterin sowie der SPD das Vorschlagsrecht für zwei Dezernenten und Dezernentinnen zusteht.

Hat Ihnen zuletzt das Rampenlicht gefehlt, das Sie als Bundestagsabgeordnete hatten?

Nein – auch wenn man sich nach dem Rückzug aus dem Bundestag erst einmal ins normale Leben zurückfinden muss. Gefehlt hat mir die Möglichkeit, politisch gestalten zu können. Das habe ich dann ehrenamtlich im Privaten gemacht – etwa im Elternbeirat und im Eine-Welt-Laden. Aus einer Verwaltung heraus besteht eine unglaubliche Gestaltungsmacht. Da will ich mich jetzt einsetzen für eine inklusivere Gesellschaft und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als ehrenamtliche Stadträtin sind die Gestaltungsspielräume dagegen beschränkt. Dort ist man mehr Kontrollinstanz.

Wie ist die Stimmung in den Magistratssitzungen?

Konstruktiv. Natürlich gibt es auch Konflikte. Ich habe das Gefühl, dass alle fair und transparent informiert werden. Mir hat die Arbeit dort sehr viel Spaß gemacht. Mehr noch: Dort habe ich erst richtig Blut geleckt, mein Wissen in die Kommunalpolitik einzubringen, um nützlich zu sein.

Maisch mit neuem Posten in Kassel – wie steht sie zur OB-Wahl?

Wie ist Ihr Verhältnis zu Oberbürgermeister Christian Geselle?

Kollegial und sachorientiert. Als ich in der Kommunalpolitik anfing, war er einer der jüngeren Stadtverordneten. Ich habe großen Respekt für die Arbeit, die er macht.

Viele dachten, dass Sie Geselle bei der Wahl 2023 herausfordern. Nun sagen manche, Sie könnten sich als Dezernentin schon mal warmlaufen. Andere glauben, das wird mit dem neuen Posten unwahrscheinlich. Welche Theorie halten Sie für glaubwürdiger?

Mit Theorien habe ich mich seit meinem Soziologiestudium kaum mehr beschäftigt. Ich werde all meine Kraft in das Amt stecken. Alles andere ist Spekulation.

Sie können eine OB-Kandidatin Nicole Maisch also nicht ausschließen?

Ausschließen kann ich nur, dass ich Papst werde.

Grünen-Politikerin wird Dezernentin in Kassel: Erfahrungen von Müttern und Vätern nicht „links liegen lassen“

Was ist der größte Unterschied zwischen der Bundes- und der Lokalpolitik?

In der Lokalpolitik ist man viel mehr auf sich allein gestellt als in Berlin mit der professionellen Bundestagsinfrastruktur und einem großen System aus Lobbygruppen. Auf lokaler Ebene muss man selbst Kontakte knüpfen. Berlin ist vielschichtiger, aber der Respekt vor dem Posten, den ich jetzt anstrebe, ist sehr groß.

Von den Kasseler Grünen haben es mit Awet Tesfaiesus und Boris Mijatovic zwei wichtige Köpfe in den Bundestag geschafft. Sie werden nun Dezernentin. Personelle Alternativen fallen einem nicht gleich ein. Haben die Grünen ein Personalproblem?

Überhaupt nicht. Es ist eher so, dass wir ein Angebot aus vielen Leuten haben. Ich war beileibe nicht die einzige Bewerberin für die Stelle. Es wurden mehrere gute Leute von der Findungskommission eingeladen. Zudem sind wir der zweitgrößte hessische Kreisverband. Mit unserem Team müssen wir uns nicht verstecken.

Auch Väter fragen sich heute, ob sie Job und Familie unter einen Hut bekommen können. Wir würden auch einen Mann fragen: ein Dezernentenposten und vier Kinder – wie schwierig wird das?

Ich rede grundsätzlich nicht öffentlich über mein Privatleben. Heutzutage ist es für alle wichtig, Beruf und Familie zu vereinbaren. Zudem glaube ich nicht, dass unsere Gesellschaft es sich leisten kann, die Erfahrungen und das Können von Müttern und Vätern links liegen zu lassen.

Der OB-Job wäre aber noch einmal zeitintensiver. Spricht das gegen Ihre Kandidatur?

Auch dazu werde ich nichts sagen. (Matthias Lohr und Florian Hagemann)

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