Schutt aus der Bombennacht

Ausstellung der Trümmer vom Rosenhang

Kassel. Am Dienstag ist der verheerendste Luftangriff auf Kassel 70 Jahre her. Was die Bomben zerstörten, wurde auf einen eine Million Kubikmeter großen Schuttberg an der Schönen Aussicht gekippt, den wir heute als Rosenhang kennen.

Durch die Erosion werden immer wieder Bruchstücke an die Oberfläche befördert. Diese sind in der Ausstellung „Requiem für eine verlorene Stadt“ in der Elisabethkirche zu sehen. Besonders für Überlebende der Bombardierung ist das Betrachten der Trümmer bewegend.

Zu diesen zählt die 86-jährige Erika Steiner aus Kassel. Fassungslos steht sie vor dem Tisch in der Elisabethkirche, auf dem 220 Kilo Porzellan- und Glasscherben, Kacheln, Metallstücke und Ziegel liegen. „So viel“, entfährt es der Rentnerin, als sie den Berg sieht. Sie hätte niemals gedacht, dass so viele Trümmer am Rosenhang zu finden sind.

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Der Kasseler Künstler Wolfgang Luh hatte die Stücke vier Jahre lang bei Spaziergängen am Rand der Karlsaue gesammelt. Er brauchte für seine Suche keinen Spaten, der Regen wäscht den nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckten Hang aus und legt dabei immer wieder Überreste frei.

Steiner nimmt ein zerbeultes Stück Blech vom Tisch. „Ach, das war ja ein Eimer.“ Als sie den Blick über die Berge von Porzellanstücken schweifen lässt, sagt sie: „Was die Leute arbeiten mussten, um sich so etwas leisten zu können.“ Beim Anblick von Glasstücken, die sich durch das Feuer der Brandbomben verformt haben, schießt ihr in den Kopf, wie sie selbst den 22. Oktober 1943 erlebt hatte.

Als 16-jährige Bankauszubildende war sie gerade auf dem Weg zur Post am Königsplatz, als die Sirenen heulten. Sie flüchtete in den Bunker an der heutigen Bürgermeister-Brunner-Straße. Als der Bunker voller Rauch war, wurde sie rausgedrängt. Sie presste sich ihren Schal vor den Mund und lief Richtung Kirchditmold, wo ihr Elternhaus stand. „Auf der Kölnischen Straße brannten alle Bäume. Auch unser Haus stand in Flammen.“

Bilder zur Ausstellung

Austellung zu Kasseler Kriegsschutt

Auch Wilhelm Hahn aus Ahnatal, der beim Bombenangriff sechs Jahre alt war, wühlt im Schutt. Der Hobbyarchäologe entdeckt einen menschlichen Knochen. Er hat selbst eine Porzellanscherbe in die Kirche mitgebracht. Diese und viele weitere hatte er bei Untersuchungen auf dem Grundstück am Altmarkt gefunden, wo heute das Finanzamt steht. Überall unter dem heutigen Kassel lagere Kriegsschutt.

Von Bastian Ludwig

Die Ausstellung ist noch bis 3. November, Di-So von 12-18 Uhr in der Elisabethkirche zu sehen. Eintritt frei.

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