Auswanderer Wilhelm Klein war ganz nah dran beim Attentat

Er war bei den Schüssen auf Lincoln dabei

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Auswanderer  Wilhelm Klein

Kassel. Ein neues Buch mit Biografien deutscher Amerika-Auswanderer erzählt die Geschichte von Wilhelm Klein, der nach seiner Rückkehr von 1887 bis 1893 Direktor der Kaltwasserheilanstalt an der Fulda in Wolfsanger war.

Noch bevor Wilhelmshöhe in der Kaiserzeit mit seinen Kureinrichtungen richtig aufblühte, war„Bad Wolfsanger“ der Dreh- und Angelpunkt des Kasseler Gesundheitswesens. In der Kaltwasserheilanstalt an der Fulda kurten seit 1841 auch Prominente wie der Bischof von Paderborn. Die Patienten ließen sich Wickel und Wassergüsse verpassen und genossen die gute Luft abseits des immer stärker industrialisierten Stadtzentrums.

Der Mann, der die Heilanstalt seit 1887 als Direktor leitete, hatte allerdings kaum einen Blick für die Reize des Fuldatals. Sein Leben war ihm zur Last geworden. Wilhelm Klein hatte fast zwei Jahrzehnte in den USA gelebt, war dort als Gastronom und Kaufmann zu beträchtlichem Wohlstand gekommen – und wurde sogar vom Mantel der Weltgeschichte gestreift.

Das Buch: "Deutsche in Amerika"

Die Geschichte von Wilhelm Klein ist eine von vier Auswandererporträts in dem neu erschienenen Buch „Dazwischen der Ozean – Biografien, Erinnerungen und Briefe von Deutschen in Amerika nach 1848“. Die Autorin Liane von Droste hat die schriftlichen Lebensberichte, die seit mehr als 100 Jahren von Angehörigen verwahrt worden sind, zusammengetragen. Die Nachfahren Kleins leben schon lange nicht mehr in Kassel. (asz)

Liane von Droste, „Dazwischen der Ozean“, Edition Steinlach 2013, 248 Seiten, 19,90 Euro.

Am 14. April 1865 ist Klein einer der Besucher in Ford’s Theatre in Washington, als Präsident Abraham Lincoln während der Vorstellung von einem Attentäter niedergeschossen wird und wenig später seinen Verletzungen erliegt. Der Deutsche arbeitet damals in einer Bar gleich neben dem Theater.

Einige Jahre nach diesem Vorfall nimmt Kleins Leben einen schicksalhaften Wendepunkt, der den gebürtigen Marburger zurück nach Deutschland und schließlich nach Wolfsanger verschlägt. Niemandem dort erzählt der verschlossene Mann, was ihn zu dieser Rückkehr bewogen hat.

Sein Sohn Carl Friedrich ist mit sechs Jahren noch zu klein, um Fragen zu stellen, als er 1875 an der Seite seines Vaters das Schiff in Richtung Europa besteigt. Carl dürfte auch kaum mitbekommen haben, wie sein Vater in Sichtweite der irischen Küste einen kleinen Gegenstand ins Meer wirft. Es ist sein Ehering.

Auch beruflich orientiert sich Wilhelm Klein um. Er erwirbt die Kuranstalt an der Fulda. Dort schreibt er jenen Teil seiner Amerika-Aufzeichnungen nieder, den er bislang ausgespart hatte. Dieses Kapitel ist persönlich für den Sohn bestimmt, der die Aufzeichnungen erst mit 42 Jahren, nach Wilhelm Kleins Tod 1912 in dessen Nachlass finden soll.

Mit dem Arzt erwischt

Carl F. Klein erfährt darin von der Morphiumsucht seiner Mutter Dorothea in der alten Heimat Baltimore – und davon, wie sein Vater den Hausarzt, der die Droge verabreichte, in verfänglicher Situation mit der Ehefrau vorgefunden hat. Beide hatten offenbar seit Langem ein Verhältnis. Für Wilhelm Klein, der wegen seiner Arbeitsverpflichtungen häufig länger getrennt von seiner kleinen Familie war, brach eine Welt zusammen.

Carl F. Klein

In Deutschland gibt er Carl zunächst zu Verwandten, dann zwecks Privatunterricht zu einem Pfarrer nach Homberg. Carl macht Abitur am Realgymnasium in Kassel, möchte Mathematik studieren. Doch sein Vater nötigt ihn zum Medizinstudium, er soll Badearzt in Wolfsanger werden. Der Junior fügt sich und muss dann verärgert zur Kenntnis nehmen, dass Wilhelm Klein den Kurbetrieb um 1893 wieder verkauft.

Carl F. Klein sattelt auf Zahnmedizin um. Er praktiziert unter anderem einige Jahre in Kassel, wo er 1932 im Alter von 62 Jahren an Herzschlag stirbt.

Von Axel Schwarz

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