Außergewöhnlicher Diebstahl vor Amtsgericht

Auto weg nach Fesselspiel: Bewährungsstrafe

Kassel. Es ist ein außergewöhnlicher Fall von Diebstahl, für den das Kasseler Amtsgericht am Freitag eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten verhängt und zur Bewährung aussetzt. „Außergewöhnlich“, so hat es der Staatsanwalt formuliert „weil es eine Vorgeschichte - ein Vorspiel - gab.“

Der 26-jährige Angeklagte, der mittlerweile in Düsseldorf lebt, hatte im September 2010 einen Liebes-Gespielen mit Krawatten ans Bett gefesselt und dann so zurückgelassen, während er selbst mit dessen Wagen, dem Handy, der Geldbörse und mehreren Ringen verschwand. Er hat das gestanden.

Er habe, sagt der Mann aus Polen, dringend zu seiner Frau im Heimatland gewollt. Die sei schwanger gewesen. Es habe Komplikationen gegeben, sie musste ins Krankenhaus. Das Auto im Wert von 25 000 Euro will der 26-Jährige, als das Benzin alle war, auf einem gebührenpflichtigen Platz zurückgelassen haben - mit offenen Türen und steckendem Schlüssel. Er habe damals gedacht, so könne es die Polizei leichter abschleppen. Wo es geblieben ist - er wisse es nicht. Das Gericht weiß es auch nicht.

Er habe sich dann in der Nähe, bei seiner Oma, Geld leihen können und sei mit dem Zug weitergereist. Er habe auch Angst gehabt, weiter mit dem Auto zu fahren. Handy und Ringe habe er im Wagen auf dem Parkplatz gelassen - das Bargeld aber mitgenommen.

Warum er denn den Partner nicht um Geld für eine Fahrkarte oder um das Auto gebeten habe, will Richterin Hahn wissen. Der Angeklagte murmelt, auch der habe kein Geld gehabt. Der Geschädigte selbst wird nicht gehört. Er soll in den Ermittlungen eine Liebesbeziehung zu dem Polen beschrieben haben.

Verteidiger Markus Sittig fordert die Richterin auf, nicht nur das freimütige Geständnis seines Mandanten bei der Urteilsfindung zu berücksichtigen, sondern auch den Umstand, dass die Tat den 26-Jährigen für eineinhalb Monate in U-Haft brachte.

Haftgrund sei der fehlende Wohnsitz gewesen - weil er wieder nach Deutschland kam, hier arbeiten wollte, aber noch keinen Wohnsitz angemeldet habe. Sittig fordert eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen.

Staatsanwalt Fabian Ruhnau hingegen hält eine Bewährungsstrafe von einem Jahr für angemessen. Zusätzlich solle der Angeklagte 1000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen. Mit der Fesselung komme die Tat in die Nähe eines Raubes, meint der Anklagevertreter. Allerdings müsse das Opfer eines Raubes ausgeübte Gewalt auch als solche empfinden. Das könne man „hier wohl ausschließen“.

500 Euro für Aidshilfe

Als Bewährungsauflage gibt die Richterin dem in Deutschland nicht vorbestraften Angeklagten auf, 500 Euro an die Aidshilfe zu zahlen. Nach Rechtsmittelverzicht ist das Urteil bereits rechtskräftig.

Von Katja Schmidt

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