Forscher entwickeln Panoramadach aus Kunststoff, das sich verdunkeln lässt

Versuche sind Erfolg versprechend: Ralf-Urs Giesen wirft einen prüfenden Blick auf eine teilbeschichtete Kunststoffplatte. Ziel der Forschung ist auch, eine kostengünstige Produktionstechnik zu entwickeln. Fotos:  Dilling

Kassel. Ralf-Urs Giesen nimmt eine Kunststoffplatte aus dem Folienbeschichtungsgerät und schaut prüfend, ob die Oberfläche gleichmäßig ist. Im Automobilbau dürfe man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben, sagt der Doktorand.

Und Giesen forscht an einer Sache, die die Autoindustrie in Bezug auf Umweltfreundlichkeit und Komfort für die Fahrer ein Stück voranbringen könnte: Das Fachgebiet Kunststofftechnik an der Uni Kassel entwickelt ein Panoramadach aus Kunststoff, das sich per Knopfdruck abschatten oder transparent machen lässt.

Die Hälfte des Volumens eines modernen Autos machen heute schon Kunststoffe aus. Sie sind nicht nur leichter als Stahl und reduzieren damit Gewicht und Spritverbrauch der Pkw. Sie können am Fließband auch effizienter zu unterschiedlichen Bauteilen verarbeitet werden. „Die Designfreiheit von Kunststoffen ist ein großer Vorteil im Automobilbau“, sagt Professor Dr.-Ing. Hans-Peter Heim, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Werkstofftechnik.

Komfort und Effizienz

Heim forscht nach Anwendungen, bei denen Kunststoffe ihre Vorzüge voll ausspielen können. Das ist der Fall, wenn es gelingt, bei einem Auto Komfort und Energieeffizienz zu vereinen: Leichte, bruchsichere Panoramadächer aus Kunststoff bereiten einerseits durch den Rundum-Blick der Passagiere hohen Fahrgenuss, andererseits verringern sie das Gewicht und entlasten die Klimaanlage, wenn sie bei gleißender Sonne im Innenraum Schatten spenden können. So wird Sprit gespart, Schadstoffe werden reduziert.

Panoramadächer lägen im Markttrend, sagt Heim. Fahrer eines Mercedes SLK können das neue Fahrgefühl schon genießen. Dieses Auto hat ein selbsttönendes Glasdach. Das sogenannte elektrochrome Glas wird intransparent, wenn der Fahrer per Knopfdruck Strom hindurchleitet. Ein Kunststoffdach gibt es in einem Smart-Modell. Das lässt sich aber nicht auf diese Weise verdunkeln.

Experiment: Diese Probe dunkelt ab, wenn schwacher Strom durchgeleitet wird.

Das Interesse der Autobauer an dem für die Kasseler Uni mit 350 000 Euro aus Mitteln des Forschungsministeriums dotierten Projekt, bei dem drei Partner aus der Wirtschaft mit im Boot sind, ist enorm. Alle großen deutschen Autohersteller hätten schon bei ihm angefragt, sagt Giesen. Die Forscher experimentieren mit Kunststoffplatten aus Polycarbonat, die in Sandwich-Bauweise beschichtet werden. Sieben verschiedene Schichten, die lediglich die Stärke von einem 250stel des menschlichen Haares aufweisen, tragen die Wissenschaftler mit einem selbst gebauten Folienbeschichtungsgerät auf. Vorher wird der Kunststoff mit ultraviolettem Licht bestrahlt, um eine gleichmäßige Beschichtung zu erreichen. Im nächsten Schritt testen die Forscher, wie es durch Erhitzen in Form gepresst werden kann. Zunächst ist nur der Bau eines Mini-Dachs in Notizblockgröße geplant.

Giesen ist aber optimistisch, dass die Forscher in absehbarer Zeit Kunststoffplatten in einer Größe, wie sie für ein Auto nötig ist, herstellen können.

Von Peter Dilling

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