Motive und Vorgehensweise haben sich verändert

Ermittler schildern: Autodiebe haben dramatisch aufgerüstet

Grenzüberschreitende Kriminalität: Für Abnehmer im Ausland werden dicke Edel-SUVs und andere Luxuswagen heute oft auf Bestellung gestohlen. Unser Bild zeigt eine Polizeikontrolle im Grenzgebiet zu Polen. Foto:  dpa

Kassel. Vor 50 Jahren wurden im Raum Kassel etwa genauso viele Autos gestohlen wie heute. Damals hatte die Polizei über kurz oder lang jedes einzelne Fahrzeug wiedergefunden, heute bleibt der Großteil dieser Autos für immer verschwunden.

Nur jeder vierte bis fünfte Fall kann aufgeklärt werden. Wir sprachen mit Kripo-Ermittlern, woran das liegt. Das klingt nach einer restlos vollständigen Aufklärungsquote, was Kassels Polizei vor 50 Jahren zum Thema Autodiebstähle vermeldet hat: Sämtliche 154 Autos und 23 Lkw, die im Vorjahr in der Stadt gestohlen wurden, „konnten von der Kriminalpolizei wieder herbeigeschafft und ihren Besitzern zurückgebracht werden“.

So stand es in einem Zeitungsbericht vom Januar 1964. Heutzutage werden rund um Kassel ähnlich viele Autos geklaut – 165 waren es im Jahr 2012. Doch allenfalls jeder vierte bis fünfte Fall kann von der Polizei aufgeklärt werden. Für Autodiebe wie für Ermittler habe sich die Lage seit damals dramatisch verändert, sagt Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch: „Früher wurden Autos gestohlen, weil einer Auto fahren wollte.“ Die Wagen der 1960er-Jahre habe jeder Amateur vom Fleck bekommen, der unter dem Armaturenbrett zwei Kabel herausriss und kurzschloss. Heute aber habe es die Polizei „mit hochspezialisierten Tätergruppen“ zu tun, die die Sicherungstechnik neuer, teurer Autos überwinden und solche Fahrzeuge „auf Bestellung besorgen“.

„Alles, was Menschen an Sicherheitstechnik ersinnen, kann auch von Kriminellen außer Kraft gesetzt werden.“

Der beim Polizeipräsidium Nordhessen zuständige Kommissariatsleiter Claus Rieth geht davon aus, dass ein Gutteil der in Kassel gestohlenen Autos bei Abnehmern in den Weiten Osteuropas landet. Diese Täter gingen mit ähnlichem Know-how ans Werk wie eine Fachwerkstatt. Sie nutzten etwa Laptops mit Diagnoseprogrammen, um die Elektronik nach Belieben zu manipulieren. Mit einem dicken Edel-Geländewagen der aktuellen Baureihen „hätte ein Täter des Jahres 1964 ein heftiges Problem“, sagt Rieth. Aber grundsätzlich gelte: „Alles, was Menschen an Sicherheitstechnik ersinnen, kann auch von Kriminellen außer Kraft gesetzt werden.“

Wenn solche Spezialisten ein Auto ins Visier genommen hätten, sei dies minutenschnell geöffnet und verschwunden. Werde so ein Autoklau dann am nächsten Morgen entdeckt, hätten die Täter „häufig schon mehrere Ländergrenzen passiert“, sagt Rieths Ermittlerkollege Hans-Jürgen Krug.

Dichter Stadtverkehr vor 50 Jahren am Brüder-Grimm-Platz: Die Autos dieser Zeit waren aus heutiger Sicht kinderleicht zu öffnen und kurzzuschließen. Auch die damals noch recht neuen Lenkradschlösser konnten häufig mit beherzter Körpergewalt geknackt werden. Foto:  Archiv

Aktuell habe sich die Kripo mit einer Reihe von Autodiebstählen zu befassen, bei der solch ein Hintergrund vermutet werde: Binnen einer Woche seien im Januar rund um Kassel zwei Porsche Cayenne, ein BMW X6 sowie ein Mercedes-Cabrio weggekommen – und zwar immer mit dem gleichen Vorgehensmuster. Dabei waren die Täter gar nicht in die Autos eingedrungen, sondern in die Häuser, vor denen sie geparkt waren.

Einmal im Gebäude, müssen die Einbrecher meist nicht lange suchen, wo der Autoschlüssel abgelegt ist, sagt Kommisariatsleiter Rieth. Dann werde der Wagen einfach mitgenommen – aber selten von ein und derselben Person bis zum endgültigen Bestimmungsort gefahren. Meist würden Mittelsmänner nach einzelnen Etappen ausgetauscht. Ein Prinzip der Autoschieberbanden sei, dass keiner den anderen kennt.

Vor 50 Jahren aber kannte im Raum Kassel praktisch noch jeder jeden. „Da fiel es gleich auf“, sagt Kommisariatsleiter Rieth, „wenn einer mit einem Auto unterwegs war, das ihm nicht gehorte.“

Von Axel Schwarz

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