Trotz Wegfahrsperren und Co.

Autoknacker: Elektronik und Software überwinden Sicherheitsvorkehrungen

Schreckt ab: Eine solche Lenkradkralle erschwert den mit Computertechnik ausgerüsteten Autodieben die Arbeit. Archivfoto: dpa

Kassel. Wie konnte das passieren, fragen sich immer mehr Opfer von Autodieben. Trotz Wegfahrsperren und weiteren elektronischen Sicherungen ist das Auto fort. Die Diebe haben mit modernster Computertechnik aufgerüstet, erklärt ADAC-Sprecher Cornelius Blanke.

„Autoknacker sind zu Autohackern geworden.“ Und Wolfgang Jungnitsch, Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen, weiß: „Die Branche geht mit der Technik", sagt der Experte.

Zuerst machen die Täter anhand ihrer Bestelllisten die gewünschten Autos ausfindig. An Autohäusern, Werkstätten oder Hauptverkehrsstraßen werden die Fahrzeuge ausgespäht und dann verfolgt, erklärt ADAC-Experte Ulrich Buckmann das Vorgehen. Kassel ist beliebt, weil die Stadt „kriminalgeografisch günstig gelegen ist“, sagt Wolfgang Jungnitsch. In wenigen Minuten sind die Täter mit den gestohlenen Autos auf der Autobahn und über alle Berge.

Wie die Täter ins Auto kommen, erklärt ADAC-Technikfachmann Piero Scazzi. Mit elektronischer Ausrüstung werden die Signale der Funkschlüssel der hochwertigen Fahrzeuge abgefischt. Das passiert im Vorbeigehen, völlig unbemerkt vom Autobesitzer. Die Codes können auch gespeichert werden, um das Auto mitten in der Nacht zu öffnen und zu stehlen.

Hintergrund:

Hitliste beim Autodiebstahl 2013

Auf der Rangliste der bei Autodieben beliebtesten Marken hat Audi den bayerischen Autobauer BMW überholt. Nach der Kraftfahrzeug-Diebstahlstatistik 2013, die der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft vor wenigen Tagen veröffentlicht hat, stieg die Zahl gestohlener Audis im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent auf insgesamt 2841 Autos. Die Diebstahlrate von Audi kletterte damit von 1,0 auf 1,2 pro 1000 kaskoversicherter Audi.

Besonders von Diebstählen betroffen waren Besitzer der teuren Sport-Limousinen S4, S3 und S6. Eine höhere Diebstahlrate als Audi erreichte 2013 nur noch Land Rover: 192 gestohlene SUV dieser Marke ergaben eine Diebstahlrate von 3,1. Hinter Land Rover und Audi auf Platz 3 liegt BMW: Mit 2748 Autos wurden rund vier Prozent weniger Fahrzeuge dieses Herstellers gestohlen als im Jahr 2012, die Diebstahlhäufigkeit sank von 1,1 auf 1,0 pro 1000 kaskoversicherter BMW.

Am häufigsten gestohlen wurden die BMW-Modelle X6 und X5. Bei Volkswagen griffen Autodiebe besonders oft zu den VW-Bussen T4 und T5. Beliebte Diebesbeute waren auch Geländewagen wie der Range Rover oder Toyotas Land Cruiser. (ach)

Inzwischen könnten die Diebe sogar das Bestätigungs-Blinken des Fahrzeugesauf den Funkschlüssel-Befehl zum Abschließen simulieren. Der Fahrer denkt, das Auto sei zu, aber wenn er ein paar Meter weg ist, steigen die Diebe in den Wagen.

Dann folgt der nächste Schritt. Mit einem Laptop, wie ihn auch Werkstätten benutzen, stöpseln sich die Diebe in die Diagnose-Schnittstelle im Fahrzeug und können dann die gesamte Fahrzeugelektronik nach Belieben manipulieren. Es dauert nur wenige Minuten, dann können die Täter das Auto starten und wegfahren. Weil es keinerlei erkennbare Schäden gibt, ist dem Auto nicht anzusehen, dass es gestohlen wurde.

Was tun? Wer die Möglichkeit hat, sollte seinen Wagen in Garage, Tiefgarage, Parkhaus oder zumindest auf dem Grundstück abstellen und die Toreinfahrt verriegeln. Ansonsten helfen altbekannte Sicherungen wie eine Lenkradkralle oder auch zusätzliche mechanische Wegfahrsperren, die zum Beispiel Gangschaltung oder Pedale blockieren (siehe Artikel rechts). Warum die Autohersteller nicht gleich ab Werk die Diagnose-Schnittstelle mit einem sicheren Schloss versehen, weiß auch ADAC-Sprecher Blanke nicht: „Ich kann mir das nicht erklären.“ Wer seinen Wagen an der Straße parken muss, sollte zumindest auf gute Beleuchtung achten, rät der ADAC.

Insgesamt wurden im Jahr 2013 bundesweit 18 805 kaskoversicherte Autos geklaut. Die Zahl der Diebstähle stieg damit im Vergleich zum Jahr 2012 zwar um rund vier Prozent an, „blieb aber auf einem niedrigen Niveau“, stellt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft fest. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 wurden noch doppelt so viele Autos gestohlen, in den Jahren 1993 und 1994 lag die Zahl der Diebstähle noch bei über 100 000 Pkw. Konstant angestiegen sei aber die durchschnittliche Entschädigung für ein gestohlenes

Fahrzeug: Sie lag 2013 bei rund 14 000 Euro. Bei Edelkarossen wie dem BMW X6 lag der durchschnittliche Schadenaufwand 2013 freilich bei mehr als 47 000 Euro. Für den Ärger nach einem Diebstahl bekommt der Autobesitzer keinen Cent.

Von Jörg Steinbach

Was hilft wirklich gegen Autoknacker?

Lenkradkralle

Wird am Steuer befestigt, das Auto ist dann nicht mehr lenkbar. So eine Kralle kostet unter 100 Euro, ist aber schwer und unhandlich, wenn man sie jedes Mal beim Verlassen des Fahrzeugs anbringen muss. Aber sie schreckt ab.

„Der Effekt ist gut“ sagt ADAC-Technikexperte Piero Scazzi. Wenn Autodiebe, die es auf einen BMW X6 abgesehen haben, die Kralle sehen und ein paar Straßen weiter ein solches Fahrzeug ohne Sicherung steht, „dann nehmen die den ohne Kralle“, sagt Scazzi. Denn das Aufbrechen der Kralle kostet Zeit, macht Lärm und sorgt für Schäden im Fahrzeug.

All das können die Diebe nicht gebrauchen. Zumal sie für solche Fälle gar nicht mehr ausgerüstet sind, weiß Kassels Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch: „Die haben Laptops mit modernster Software und iPhones dabei, aber keine Eisensäge oder Rohrzange.“

OBD-Schutz 

Das ist ein Schloss für die Diagnose-Schnittstelle im Fahrzeug. Die Buchse für die On-Board-Diagnose (OBD) in der Nähe der Lenksäule wird normalerweise von Werkstätten benutzt. Diese Schnittstelle nutzen Autodiebe, um per Laptop-Computer mit Spezialsoftware die Wegfahrsperre und weitere Sicherungselektronik wie Alarmanlagen oder GPS-Positionsmelder im Fahrzeug auszutricksen.

Das Schloss kostet unter 100 Euro und ist schwer zu knacken, zudem geht dabei meist auch die Schnittstelle kaputt und kann dann nicht mehr genutzt werden. Der Diebstahlsversuch wäre damit zu Ende: „Ohne OBD-Schnittstelle kein Wegfahren“, sagt ADAC-Technikexperte Piero Scazzi. Die Täter sind zwar im Auto, können die elektronischen Sicherheitsvorkehrungen aber nicht überwinden. (ach)

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