Axel Herwig sang im Kasseläner Dialekt

Lieder in Mundart über Kassel: „Schobben ung Kännchen“

Axel Herwig

Kassel. Eine offizielle Kassel-Hymne gibt es im Stadtjubiläumsjahr nicht. Doch in den vergangenen Jahrzehnten sind etliche Lieder entstanden, die Kassel, seine Reize und Besonderheiten besingen. In einer Serie stellen wir einige Kassel-Songs vor. Hier: Axel Herwig (1909 - 1980).

Englische Popmusik gegen deutsche Schlager – darüber wurde in den 70er-Jahren mit Hingabe gestritten. Dass da einer ein ganzes Album mit Liedern im sperrigen Kasseläner Dialekt präsentierte, erregte vor 35 Jahren einiges Aufsehen. Der Interpret, der 1980 verstorbene Liedermacher, Lehrer, Theatermann und Autor Axel Herwig, wird noch heute als Lichtgestalt der nordhessischen Mundartpflege verehrt.

„Hale moh mim Feddenbrod“ hieß die damals sogenannte „Langspielplatte“, die viele Kasseler noch besitzen. Auf dem Cover ist der hochgewachsene, weißhaarige Herwig vor der Kasseler Markthalle zu sehen, mit geschulterter Gitarre, schwarzer Jacke und seinem obligatorischen breitkrempigen Stetson wirkt er wie eine Kasseläner Version von Johnny Cash.

Mit ausgegrabenen und selbst getexteten Mundart-Fundstücken leistete Herwig Pionierarbeit, um dem Dialekt seiner Heimat musikalisches Gehör zu verschaffen. Die titelgebende Altkasseläner Redensart wurde daraufhin auch wieder bei Jüngeren populär: „Hale moh mim Feddenbrod, ich well dä eine glääwen“ – halt mal kurz mein Fettenbrot, ich will dir eine scheuern! Derb, aber gemütlich In einem anderen Song auf der LP, „Schobben ung Kännchen “, wird das Kasseläner Lebensgefühl beim Sonntagsfrühschoppen gefeiert: Schon mal derb, aber stets gemütlich ging es dabei zu.

Hier Axel Herwigs Schobben ung Kännchen:

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Bei Schnaps und Bier wurden die Wunden der Kriegszerstörung geleckt, und das Kasseläner Selbstbewusstsein musste sich zwischen Krieg und Jahrtausendwende eben aus anderen Quellen speisen. Herwig hatte den Song 1975 als Stammtischlied für den Mundart- und Schnuddeltreff „Schobben ung Kännchen“ geschrieben, der von ihm ins Leben gerufen wurde.

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Noch heute trifft sich dieser Zirkel einmal im Monat im Haus Knorrstraße 6 in Niederzwehren. Mit seinem Theaterensemble „Junge Bühne“ war Herwig einige Jahre zuvor in die alte Volksschule eingezogen und hatte sie so vor dem Abriss bewahrt. Eine kleine Straße in unmittelbarer Nähe trägt seit 1981 den Namen Axel-Herwig-Weg. Der ausgebildete Lehrer, der von den Nazis aus politischen Gründen aus dem Schuldienst entfernt wurde, hat in seinen 71 Lebensjahren einen buntschillernden biografischen Weg zurückgelegt: Als Kaufmann, Buchhändler, Fabrikant, sogar zeitweise als Bürgermeister der thüringischen Stadt Schmalkalden hat Herwig gearbeitet.

Vielseitiger Lebensweg In der Region hat er sich als Regisseur, Schauspieler und Theaterautor für diverse Amateurbühnen – etwa der Waldbühne in Niederelsungen – einen Namen gemacht. Und nicht zuletzt widmete er sich mit Hingabe der Mundartpflege und brachte mehrere Bücher mit Texten und Liedern in Kasseläner Dialekt heraus.

Ein Lebensziel hatte Axel Herwig zwei Jahre vor seinem Tod in einem Zeitungsinterview genannt: Er wolle „bis zu meinem Ende weitgehend klarstellen, dass diese Mundart ihren Wert hat wie jede andere auch“. Damit hat er viele inspiriert, die dem Kasseläner Original heute nacheifern.


Der Text zu Axel Herwigs Schobben ung Kännchen

Axel Herwig: Schobben ung Kännchen En Schobben un’ en Kännchen un’ en Schdigge Worschd derbie, das schmegged uns wie’n Mudderdidds am Sonndaachmorjen frieh. Do brurren mäh king Kino nidd un au king Gloddsefon, do schnuddeln un doh schallern mäh in unsen eich’nen Dohn:

Refrain: Mäh sing Kass’läner von d’r Fulle Schdrande, mäh schbrejjen’s Wöchdchen, wann’s uns grade bassd. Das äss bie uns norr lange kinne Schande, bloß vornehm duhn, das äss bie uns verhassd. Un wär de meind, hä missde uns um neune erschdmoh weggen, där kann uns moh, där kann uns moh ... am Hergules besuhren!

Bie uns, do gabb’s d’n Effesus, Suffreeschen ung Gubille, bloß heidzedahre froochd me sich, wo giwwed’s das awille? Un desderwäjen simmäh hie, ob Weibchen oder Männchen, so vis-à-vis un dichdebie biem Schobben ung biem Kännchen.

In Dreienvirzich honn se uns diss ahle Nesd versaud. Das hommäh in d’r Zwijjenzidd nu widder uffgebaud. Es äss zwarsch nidd meh ganz so hibsch, das kamme nidd verhählen, bloß unsere Gemiedlichkeid, die kunn’ se uns nidd schdählen. Drum wär do äss kinn Bloosenkobb un au kinn Subbendusd, der nimmed sich um disse Zidd sinn Schebbchen vor de Brusd ung gaaged midde luudehals als wie vom Medds geschdorren: „Nu bring uns norren Branndewinn un au de Sulwergnorren!“

So driewen mäh wie dunnemols im Schbuggnabb ung Glaferze uss luuder Feez un Dullerei de Ziggen un de Scherze. Un wann se uns am Enne doch zum Doodenhoowe bringen, dann sunn se in Gedanggen noch uns unse Liedchen singen:

Refrain: Mäh sing Kass’läner von d’r Fulle Schdrande ...

Von Axel Schwarz

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