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Prozess vor Landgericht Kassel: Baby lebte noch bei der Geburt

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.
Eine 19-Jährige muss sich vor dem Landgericht Kassel wegen Verdachts des Totschlags verantworten. © David-Wolfgang Ebener/dpa

Eine 19-jährige Frau muss sich seit Montag wegen des Verdachts des Totschlags vor dem Landgericht Kassel verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, ihren neugeborenen Sohn nach der Geburt mit der Nabelschnur erdrosselt zu haben.

Kassel/Werra-Meißner – Sie habe nicht gewusst, dass sie schwanger gewesen ist, erklärte am Montag eine 19-Jährige aus dem Werra-Meißner-Kreis auf der Anklagebank des Kasseler Landgerichts. Dort muss sich die junge Frau wegen des Verdachts des Totschlags verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, in der Nacht zum 7. März 2021 ihren neugeborenen Sohn mit der Nabelschnur um den Hals erdrosselt zu haben. Anschließend habe sie das Baby in ein Handtuch und einen Kapuzenpullover eingewickelt und in einem Graben an einem Radweg in Nähe ihres Wohnorts abgelegt. Dort wurde der tote Säugling über eine Woche später von einer Spaziergängerin entdeckt. Nachdem in der Werra Rundschau über den Fund der Babyleiche berichtet worden war, vertraute sich die 19-Jährige ihren Eltern, bei denen sie wohnte, an und stellte sich bei der Polizei.

Sie habe an dem 6. März vergangenen Jahres starke Schmerzen und auch Blutungen gehabt, schilderte die 19-Jährige vor der 1. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Dreyer. Sie habe gedacht, dass sie ihre Periode bekommt. Ohnehin habe sie jeden Monat Blutungen gehabt, sodass sie nicht auf die Idee gekommen sei, schwanger zu sein. Im Laufe des Tages habe sie immer wieder starke Schmerzen gehabt. Abends sei sie alleine zu Hause gewesen. Auf der Toilette habe sie dann plötzlich das Kind zur Welt gebracht. „Ich weiß nicht mal, ob ich bei Bewusstsein war“, sagte die 19-jährige, die bei ihrer Aussage mit den Tränen kämpfte. Sie sei davon ausgegangen, dass das Baby tot zur Welt gekommen ist. Sein Gesicht sei grau und die Nabelschnur um den Hals des Kindes gewickelt gewesen. „Ich konnte nur verschwommen sehen, mir ging es schlecht. Ich wusste nicht, was los ist in dem Moment.“

Dass der 3000 Gramm schwere Junge nach der Geburt gelebt hat, das erklärte Rechtsmediziner Mohamed Mousa in seinem Gutachten. Man habe bei der Obduktion Luft im Magen und im Zwölffingerdarm des Kindes entdeckt. Das sei ein Nachweis dafür, dass es mindestens zwischen ein paar Minuten und einer halben Stunde gelebt haben müsse. Bei der Obduktion sei auch eindeutig herausgekommen, dass das Baby mit der Nabelschnur um den Hals stranguliert worden sei, was zu seinem Tod geführt habe. Allerdings könne er nicht sagen, ob das Kind von einer anderen Person getötet worden ist oder die Strangulation durch das eigene Gewicht des Babys oder der Plazenta erfolgt sei.

Der Vater des Kindes war der ehemalige Freund der Angeklagten. Die beiden hatten sich im September 2020 getrennt, nachdem ihr Freund fremdgegangen sei, sagte die 19-Jährige. Ihr Vater sagte aus, dass ihm und seiner Frau nichts von der Schwangerschaft der Tochter aufgefallen wäre. „Wenn wir davon gewusst hätten, hätten wir das Kind definitiv groß gezogen.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

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