Methode auch für Grundschulen 

Kinder, die auf Babys starren: "Babywatching" in Kitas soll einfühlsamer machen

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Babywatching in der Betriebskita des Klinikums Kassel: Die sieben Monate alte Sophie besucht alle zwei Wochen mit ihrer Mutter Melanie Wronowsky-Botje (Mitte) den Kindergarten. Dahinter von links die Erzieherinnen Nicole Holetzek, Sabrina Palme und Mandy Geschwinder mit den Kindern der Seehundgruppe.

Kassel. Das Whale Watching, also die Walbeobachtung, ist wohl den meisten bekannt - aber Babywatching? Dabei beobachten Kita- und Grundschulkinder ein Neugeborenes mit seiner Mutter. Dies schult ihr Einfühlungsvermögen.

In der Seehundgruppe der Betriebskita des Klinikums Kassel richten sich alle zwei Wochen die Blicke auf den Boden. Dann ist Sophie zu Gast. 18 Kinder sitzen im Stuhlkreis um das sieben Monate alte Baby und dessen Mutter Melanie Wronowsky-Botje. Sophie nimmt ihre Rolle im Rampenlicht gelassen hin. Mit wachen Augen und staunendem Mund liegt das Mädchen im rosa Kleid auf der Krabbeldecke und blickt in die Runde.

„Wer hat uns heute wieder besucht?“, will die Erzieherin Mandy Geschwinder wissen. „Sophie!“, ertönt es aus 18 Mündern. Nun fragen Geschwinder und ihre Kollegin Nicole Holetzek, die beide eine Ausbildung im Babywatching absolviert haben, die Kinder nach ihren Beobachtungen. „Was macht Sophie?“ Finger schnellen nach oben. Ein Mädchen antwortet: „Sie wackelt mit Händen und Füßen und guckt die Warda an.“ Dies muss an Wardas Glitzer-Haarreif liegen, sind sich die Kinder einig. Warda lächelt.

Joshua will wissen, ob Sophie schon alleine stehen kann. Natürlich nicht. Sofort wissen einige in der Runde zu berichten: „Meine Schwester kann das schon.“

Als Sophie nach ihrer Kuschel-Giraffe greift und ihr in den Kopf beißt, sind die Kinder verzückt. Gekicher macht die Runde, als Sophie mit dem Po wippt. „Die wackelt mit ihrem Popo“, ertönt es.

„Was glaubt ihr, wie sich Sophie fühlt?“, fragt die Erzieherin. „Sie fühlt sich ganz schön glücklich mit ihrem Kuscheltier“, ist sich Martha sicher. Vollends glücklich ist Sophie zu dem Zeitpunkt aber nicht mehr. Leise Schmatzgeräusche signalisieren ihrer Mutter, dass sie Hunger hat.

Ganz selbstverständlich beginnt Melanie Wronowsky-Botje, ihr Baby zu stillen. Nun wird es mucksmäuschenstill in der Seehundgruppe. Alle lauschen Sophies Schmatzen beim Trinken. Der kleine Hans weiß: „Das Baby drückt der Mutter auf die Brust, damit es trinken kann.“

Nach 20 Minuten Stillsitzen beginnen die ersten Kinder, unruhig auf ihren Stühlen hin und her zu rutschen. Andere blicken weiter andächtig auf Baby und Mutter. Kurz darauf wird die Runde aufgelöst – denn das Babywatching dauert nie mehr als 30 Minuten.

In zwei Wochen kommt Sophie wieder. Ihre Mutter erzählt, dass sie kurz überlegt habe, ob sie sich für das im Januar gestartete Projekt zur Verfügung stellt. „Das ist eine außergewöhnliche Situation für mein Kind. Als Physiotherapeutin weiß ich aber, wie wichtig Empathie und Feingefühl sind.“ Und das Wichtigste: Sophie gehe es gut dabei.

Hintergrund: Das ist Babywatching

Der Dachverband der freien Kindertagesstätten (Dakits) hat das „B.A.S.E. Babywatching“ in den ersten Kasseler Kitas etabliert. In Seminaren wurden Erzieherinnen fortgebildet. „Es geht dabei um die Entwicklung von Empathie“, sagt Dakits-Geschäftsführerin Antje Proetel. Die Methode wurde vom Bindungsforscher Prof. Dr. Karl Heinz Brisch an der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelt. Untersuchungen zeigen, dass sich durch das Beobachten der Interaktion zwischen Eltern und Baby das Einfühlungsvermögen der Kinder verbessert.

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