41-Jähriger soll seine Stieftochter gezwungen haben, in Unterwäsche zu posieren

Backpfeifen und Aktfotos

Kassel. „Ich wollte das alles eigentlich vergessen“, sagt die junge Frau auf dem Zeugenstuhl. Mit kaum vernehmbarer Stimme spricht sie. Und erzählt, was ihr Stiefvater ihr angetan haben soll. Jahrelang. „Ich versuche, die Bilder in meinem Kopf ganz nach hinten zu schieben“, sagt die 20-Jährige. „Aber es kommt immer wieder hoch.“ Auch weil das Gerichtsverfahren gegen ihren Stiefvater schon so lange dauert.

Vor fast vier Jahren hat die damals 16-Jährige den Mann bei der Polizei angezeigt. Vor knapp zwei Jahren wurde erstmals vor dem Amtsgericht verhandelt. Doch weil die Verteidigung damals mit Erfolg ein Glaubwürdigkeitsgutachten über die junge Frau beantragt hatte, war das Verfahren erst einmal ausgesetzt worden.

Gestern nun begann es erneut. Und die 20-Jährige muss sich jetzt wieder an das erinnern, was sie am liebsten verdrängen würde. Und was ihr, wie sie sagt, bis heute jedes Grundvertrauen in die Welt genommen hat. Vor allem in die Männer.

Seit sie sechs Jahre alt war, erzählt die junge Frau, habe ihr Stiefvater sie immer wieder nackt sehen wollen. Habe sie zu sich gerufen, ausgezogen und, wenn sie nicht wollte, geschlagen. „Ich sollte mich auch öfter auf einen Stuhl setzen und die Beine breit machen.“ Ohne Unterhose. Sexuell missbraucht, sagt sie, habe sie der 41-Jährige aber nicht. Bloß fotografiert. Auf den Computern des Mannes fanden die Ermittler dann auch etliche Nacktaufnahmen des Mädchens – neben einer Handvoll Kinderpornos aus dem Internet.

In die Anklage hat es jedoch nur die letzte mutmaßliche Tat geschafft: Im April 2007 habe der Angeklagte das Mädchen mit einer Backpfeife dazu gebracht, sich ausziehen zu lassen und eigens von ihm bereitgelegte Unterwäsche anzuziehen – möglicherweise vor laufender Videokamera. Als Körperverletzung und Nötigung stuft die Staatsanwaltschaft das ein.

Der Angeklagte schweigt dazu. Doch dass er sich zu Unrecht beschuldigt fühlt, ist offensichtlich. Immer wieder schüttelt er den Kopf, grummelt vor sich hin, mault dazwischen. Für ihn, das zeigen die Äußerungen seines Verteidigers Jens Waechtler, ist seine Stieftochter eine notorische Lügnerin. Oder kann zumindest Fiktion und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten.

Auch die neue Frau des leiblichen Vaters der 20-Jährigen sieht das so: „Sie lebt in einer Traumwelt“, verkündet die 38-Jährige kalt. Weswegen sie auch nichts unternommen habe, als ihr das Mädchen einmal unter Tränen von den Übergriffen berichtete. „Der Sache habe ich groß keinen Glauben geschenkt.“

Ob die junge Frau tatsächlich derart unglaubwürdig ist, wird der psychiatrische Sachverständige erklären. Am 12. Juli soll er sein Gutachten erstatten. Dann wird auch ein Urteil erwartet. (jft)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.