Kasseler Mediator arbeitet in Testcenter

Erfahrungen eines Corona-Testers: „Abstrich ist auch ein Psycho-Test“

Nikolaus Weitzel trägt Schutzanzug, Handschuhe, Haube, Maske und Gesichtsvisier, wenn er die Coronatests im Testzentrum an der Landgraf-Karl-Apotheke in Bad Wilhelmshöhe vornimmt.
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In voller Montur: So sieht Nikolaus Weitzel aus, wenn er die Coronatests im Testzentrum an der Landgraf-Karl-Apotheke in Bad Wilhelmshöhe vornimmt.

In den Corona-Testzentren in Kassel herrscht reger Betrieb. Ein Tester, der dort die Abstriche vornimmt, berichtet von seinen Erlebnissen: von Gelassenheit bis Panik bei den Testwilligen und von rührenden bis aggressiven Reaktionen.

Kassel – Dass Nikolaus Weitzel ein Gespür für Menschen und ihre Befindlichkeiten hat, ist berufsbedingt. Der 66-Jährige aus Kassel ist freiberuflich als Mediator tätig. In der Pandemie sind Aufträge allerdings rar geworden – und so hat Weitzel sich eine Tätigkeit gesucht, die derzeit gefragt ist: Er arbeitet als Tester im Testzentrum der Landgraf-Karl-Apotheke am Bahnhof Wilhelmshöhe.

Jeder Coronatest, sagt er, sei gleichzeitig „ein Test der psychischen Verfassung und Grundbelastung“ von Menschen. Bei seiner neuen Tätigkeit lerne er einen interessanten Querschnitt der Gesellschaft kennen. Über seine Erfahrungen hat Weitzel uns berichtet.

Nikolaus Weitzel

Der Tester

Seit rund zwei Monaten ist der Mediator in dem Testzentrum der Apotheke im Einsatz. In seinen fünfstündigen Schichten testet er zwischen 50 und 100 Menschen. Bei seiner Entscheidung, sich als Tester zu melden, sei es ihm nicht nur um eine alternative Einnahmequelle gegangen, betont Weitzel. „Ich wollte in der Pandemie auch etwas Sinnvolles tun, etwas Soziales.“ Eigentlich habe er sich als Tester in einem Altenheim engagieren wollen, doch seine Bewerbungen in verschiedenen Einrichtungen seien ins Leere gelaufen. So heuerte er in der Landgraf-Karl-Apotheke an, wo er nun an fünf Tagen in der Woche arbeitet.

Das Vorgehen

Voraussetzung, um die Antigen-Schnelltests vorzunehmen, war eine Schulung beim Roten Kreuz. Dabei sei ihm klar geworden, dass es um mehr geht, als das Teststäbchen korrekt in die Nase einzuführen, um bis an die obere Rachenrückwand zu gelangen, sagt Weitzel. Ihm sei es wichtig, jeden Testwilligen persönlich anzusprechen und dadurch auf den ungewohnten Eingriff vorzubereiten und zu beruhigen, wenn nötig.

Wo er bei alten Damen sagt, sie sollten sich zurücklehnen wie beim Frisör, formuliert er bei einem robusten Bauarbeiter auch mal mit einem Augenzwinkern: „Ich muss dahin, wo Bier und Schnaps nicht hinkommen.“

Eigentlich versuche die Nase mit Schutzreflexen wie Niesen das Eindringen von Fremdkörpern zu verhindern. Und so empfänden viele Menschen das Einführen des Teststabs auch als unangenehm. Dabei gehe es nicht nur um die Nase, ist Weitzel überzeugt, „sondern um die Unverletzlichkeit des eigenen Körpers.“ Der Test werde von einigen Menschen als Übergriff empfunden, „dem sie zwar zustimmen, aber den sie dennoch erleiden“. So habe einmal eine junge Frau mit sichtlich irritierten Gefühlen zu ihm gesagt: „Noch nie ist ein fremder Mensch so tief in meinen Körper eingedrungen.“

Der Tester mit Mediationshintergrund versucht deshalb, sehr langsam und vorsichtig vorzugehen. Eine Überraschungsattacke nach dem Motto „dann hat man es schnell hinter sich“ komme für ihn nicht in Frage, sagt Weitzel. Das könne der Getestete als Verlust der Autonomie empfinden.

Die Reaktionen

Schon beim Hereinkommen der Testkunden versuche er sich einen Eindruck zu verschaffen, wo sie auf der Skala zwischen Coolness und Sicherheit einerseits sowie Unsicherheit und Angst andererseits einzustufen seien. Ist die Körperhaltung gebückt oder aufrecht, locker oder steif? Ist der Blick ruhig oder gehen die Augen hin und her? „Ich versuche die non-verbalen Signale wahrzunehmen und den Menschen hinter der Fassade zu erkennen, um dann die passende Ansprache zu finden“, sagt der Kasseler.

Während in der Anfangsphase der Schnelltestungen viele Menschen angespannt und unsicher waren, hätten inzwischen die meisten Besucher Testerfahrung und wüssten, was sie erwartet. Das heiße aber nicht, dass sie entspannt seien, so Weitzel.

Er erlebe die ganze Bandbreite, sagt der Tester: Von Menschen, die sich völlig gelassen hinsetzen und nicht mit der Wimper zucken, bis zu Personen, die extrem verkrampfen und alle Abwehrreflexe von Husten über Würgen bis Augentränen zeigen.

Manchmal rühre der Test an vorhandenen Traumata, sagt Weitzel. So sollte er einmal eine aus der Zwangsprostitution befreite Rumänin testen. Die Frau sei hochgradig eingeschüchtert gewesen und habe sich schon bei der ersten Berührung des Stäbchens zusammengekrümmt. In solchen Fällen versuche er, einen Kompromiss zu finden „zwischen einem echten Abstrich und der Fürsorge für den Menschen“, sagt Weitzel. Bei der Frau machte er nur einen Abstrich im Mund.

Auch bei kleinen Kindern gehe es ihm oft nahe, wenn sie sich der Prozedur unterziehen müssten, sagt der Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Dann trete er erst mal ein paar Schritte zurück, nehme seine Maske ab und sage: „Guck erst mal, wer ich bin. Ich heiße Nikolaus.“

Die Rückmeldungen

Auch die Rückmeldungen, die er von Getesteten bekomme, seien ganz unterschiedlich, sagt Weitzel. Auf der positiven Seite fällt ihm ein Kroate ein, der in die Heimat reisen wollte und ihm voller Dankbarkeit für den kostenlosen Test um den Hals fiel. Und das junge Mädchen, das so erleichtert über den negativen Befund war, dass es freudestrahlend sagte: „Ich könnte Sie knutschen!“ Es komme aber auch vor, dass er von Kunden, die den Test als unangenehm empfinden, angeschnauzt werde. „Dann gibt man gern mir die Schuld daran, wenn man nicht in der Lage ist, seine Reflexe zu kontrollieren.“

Der Selbsttest

Der Tester lässt sich im Zuge seiner Tätigkeit selbst ein- bis zweimal pro Woche testen. Er habe keine Probleme damit, beim Abstrich sein körpereigenes Alarmsystem herunterzufahren, sagt Weitzel. „Ich bin ja geübt darin, mich nicht triggern zu lassen von äußeren Reizen.“ Als Mediator dürfe er sich beispielsweise von aufgeladenen oder aggressiven Situationen nicht beeinflussen lassen.

Angst vor Ansteckung habe er nicht, sagt der 66-Jährige. Dazu gebe es ja die Schutzausrüstung. Außerdem komme es relativ selten vor, dass ein Test positiv ausfalle. Im Schnitt gebe es nicht einmal einen Fall pro Fünf-Stunden-Schicht. (Katja Rudolph)

Tipps vom Tester

Damit das Testerlebnis möglichst angenehm wird, gelte es, sich so gut es geht zu entspannen, sagt Nikolaus Weitzel: „Wie beim Yoga oder Qigong.“ Am besten unmittelbar vor dem Test tief in den Bauch hineineatmen, dann während des Abstrichs möglichst tief und gleichmäßig atmen, lautet der Tipp des Testers. Je entspannter der Körper sei, desto elastischer und offener sei auch der Atemkanal – und desto reibungsloser könne man das Teststäbchen einführen. Sobald der zu Testende die Luft anhalte, die Augen zusammenkneife oder den Körper anspanne, habe das auch Auswirkungen auf die Muskulatur im Nasen-Rachen-Raum. (rud)

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