KVG modernisiert Trams für 1,1 Millionen Euro pro Bahn 

So werden alte Straßenbahnen in Kassel wieder fit gemacht für den Einsatz 

+
Werkstatt: In der Halle des Betriebshofs Wilhelmhöhe unterzieht die KVG insgesamt 19 ihrer Straßenbahnen dem Retrofit-Programm. Im Vordergrund sind Teile der demontierten Antriebe zu sehen. Im Hintergrund sind die Bahnen aufgebockt.

Seit 2015 richtet die Kasseler Verkehrsgesellschaft ältere Trams so her, dass sie den Dienst wieder antreten können. In der Werkshalle der KVG investieren 80 Mitarbeiter viel Zeit in die Reparatur. 

Laute Geräusche schallen durch die hohe Halle. Eine Mischung aus den Stimmen der Mechaniker, Musik aus dem Radio, dem Gekreische der Flex und dem Dröhnen von Bohrern. Es riecht nach Schmieröl, Metall und Lack. In hohen Regalen und auf dem Boden sammeln sich, genauestens sortiert, die zahlreichen Einzelteile der Bahnen. Überall sind Warnhinweise angebracht, da schwere Teile bewegt werden.

Schweißarbeiten: Mechaniker Alf Ketzer überprüft die Achsen der Straßenbahn und bessert Fehler aus.

In der großen Werkshalle auf dem Betriebsgelände der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) an der Wilhelmshöher Allee werden die Straßenbahnen wieder bereit gemacht für den Einsatz. Seit 2015 läuft das sogenannte Retrofit-Programm, bei dem die KVG ältere Straßenbahnen von Grund auf erneuert werden. Danach sollen sie weitere 15 Jahre quer durch die Stadt fahren.

Pro Bahn investiert die KVG 1,1 Millionen Euro. Pro Fahrzeug sind etwa acht Monate Arbeitszeit eingeplant. Die Neuanschaffung, sagt Karsten Kamutzki, der Leiter des Bereichs Technik und Fahrzeuge, würde pro Fahrzeug 3 Millionen Euro kosten. Im Jahr legt jedes Fahrzeug etwa 83 000 Kilometer zurück auf acht Linien, von Wolfsanger bis Wilhelmshöhe und Baunatal. 

Neue Lampen: Dennis Färber montiert die neuen Scheinwerfer an der Straßenbahn.

In der Werkstatt der KVG an der Wilhelmshöher Allee arbeiten 80 Mitarbeiter. „Neben dem Retrofit-Programm muss noch das Tagesgeschäft erledigt werden“, sagt Kamutzki. Dies bestehe aus Wartungsarbeiten und der Reparatur von Unfallfahrzeugen. In der Halle angekommen werden die 40-Tonnen-Fahrzeuge aufgebockt und von ihrem Fahrwerk getrennt. Mechaniker untersuchen sie genau und bessern Schäden aus. Dafür werden die Systeme in alle Einzelteile zerlegt. Der komplette Wagen wird entkernt. Sitze, Fußböden, Innenverkleidung und Haltestangen werden entfernt Es bleibt nur noch ein Gerippe übrig, das sandgestrahlt wird.

In der hauseigenen Lackiererei versehen Arbeiter in Schutzkleidung die leere Hülle wieder mit dem typischen blauen Anstrich. „Der neue KVG-Blauton unterscheidet sich leicht vom Alten“, sagt Martin Russart, der Fachbereichsleiter der Schienenfahrzeugwerkstatt. Auch die Sitzschalen werden frisch lackiert und mit neuem Polster bezogen.

Entkernt: Die Niederflurbahnen werden komplett auseinandergenommen. Sitze, der Fußboden und das restliche Innenleben werden entfernt. Die leeren Hüllen werden mit modernisierter Technik ausgestattet.

Weitere Mechaniker überprüfen die Verkabelung und bessern diese, wenn nötig, aus. Zudem gestalten sie die Fahrerkabine neu und rüsten sie mit einer Klimaanlage auf. Um diese mit Strom zu versorgen, werden die Dachaufbauten der Bahnen verändert. Die Kollegen montieren LED-Scheinwerfer. Auch für den Ausblick wird gesorgt: Die alten Scheiben werden ersetzt. Zu guter Letzt wird alles wieder zusammengebaut. Dazu wird jedes Fahrzeug mit einem neuen magnetischen Bremssystem ausgestattet. Dieses bremst automatisch, wenn ein rotes Signal überfahren wird.

Einen Großteil der anfallenden Arbeiten wird von der KVG in Eigenregie übernommen, erklärt Russart. Nur wenige Teile werden an Spezialunternehmen versandt. Von den 19 Bahnen, die erneuert werden, sind zehn fertiggestellt.

"Retrofit-Projekt" für die Trams in Kassel 

Die Planungen für das Retrofit-Projekt für die Straßenbahnen des Typs 6ENGTw begannen 2010. Ziel ist es, die Laufdauer der Bahnen, die in zwei Schwüngen 1991 und 1994 beschafft wurden, um weitere 15 Jahre zu verlängern. Teil der Planung waren Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen, die ergaben, dass eine Überholung billiger sei, als die Neuanschaffung. Mit den Arbeiten wurde 2015 begonnen, sie sollen bis 2021 andauern. Die 6ENGTw war der erste Niederflur-Straßenbahntyp, der ab 1991 bundesweit im Linienbetrieb eingesetzt wurde. „Davor mussten die Fahrgäste beim Einsteigen einige Stufen nach oben steigen“, sagt Karsten Kamutzki, der Leiter des Bereichs Technik und Fahrzeuge beim KVG. Vier der 19 Bahnen des besagten Typs werden nicht dem Retrofit-Programm unterzogen. Sie sollen irgendwann stillgelegt werden. Ob und wie diese ersetzt werden, werde gerade ausgelotet, heißt es von der KVG. Die ausgemusterten Modelle sollen dann als Ersatzteillager dienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.