„Das ist wie im Gefängnis“

Aufzug kaputt: Rollstuhlfahrerin sitzt seit Wochen in ihrer Wohnung fest

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Sie kann nicht mehr alleine das Haus verlassen: Weil der Aufzug kaputt ist, ist Uta Pohl (72), die seit drei Jahren im Rollstuhl sitzt, auf fremde Hilfe angewiesen.

Kassel. Sie sitzt im Rollstuhl und kann ohne fremde Hilfe ihre Wohnung nicht mehr verlassen: In dieser misslichen Lage steckt derzeit die 72 Jahre alte Uta Pohl.

Und das schon seit mittlerweile vier Wochen. Grund dafür ist der defekte Aufzug in dem Bad Wilhelmshöher Wohnhaus, in dem Pohl in der zweiten Etage lebt.

„Das ist wie im Gefängnis“, sagt die Rentnerin. Auf den Aufzug sei sie angewiesen. Er sei ihre einzige Möglichkeit, selbstständig das Haus zu verlassen. „Jetzt muss ich mir Hilfe holen. Und das ist nicht billig.“ Jedes Mal, wenn sie zur Krankengymnastik will, muss sie nun ein Taxi rufen. Zwei Fahrer tragen sie dann runter und nach der Behandlung wieder hoch. Pro Hin- und Rückfahrt kostet das die alte Dame 75 Euro.

Schmerzen sind wieder da

Wegen der Kosten, die dabei zusammenkommen, kann Pohl nicht mehr wie früher fünfmal, sondern nur noch zweimal die Woche zur Therapie. Zum Nachteil ihrer Gesundheit. Denn die fast tägliche Krankengymnastik sorgte immer dafür, dass Gelenke und Rücken vom Dauersitzen nicht zu sehr schmerzten. Was nun wieder der Fall sei. Außerdem sei ihr Körper wieder extrem steif geworden, wie ihr Arzt am Dienstag feststellte.

Doch das ist noch nicht alles. Sie fühle sich mittlerweile isoliert, denn bis auf ihre Haushaltshilfe Reinhild Hartmann, die sie mit Lebensmitteln versorgt, habe sie kaum noch soziale Kontakte. Freunde und Bekannte besuchten sie nicht mehr. Der Grund: Der Fahrstuhl. Die meisten von ihnen seien nämlich nicht mehr gut zu Fuß.

„Die ganze Situation ist unerträglich“, sagt die Bad Wilhelmshöherin. Denn das ist nicht das erste Mal, dass sie so lange ohne Aufzug auskommen muss. Bereits im November 2014 sei der Motor kaputtgegangen. Ein neuer wurde nötig. „Bis von der Hausverwaltung endlich alles in die Wege geleitet wurde, hat es ewig gedauert. Bis Mitte April, fast sechs Monate“, klagt Pohl.

Fast sechs Monate Stillstand

Der Wartungsdienst, der sich in den vergangenen Jahrzehnten um den Fahrstuhl gekümmert hat, habe versprochen, die Reparatur vorzuziehen, erinnert sich die 72-Jährige. Das Angebot sei von der Hausverwaltung jedoch als zu teuer abgelehnt worden. Eine Firma aus Waldeck erhielt im Dezember den Zuschlag. Doch erst im April wurde der Aufzug mit einem neuen Motor wieder in Gang gesetzt.

Pohls Freude über den reparierten Aufzug währte allerdings nicht lange. Im Juli ging der neue Motor kaputt, nach nicht einmal drei Monaten. Ihre große Sorge nun: Die Reparatur könnte sich wieder so lange hinziehen wie beim letzten Mal. „Ich will nicht wieder meine Tage nur im Haus verbringen. Das ist doch kein Leben“, beschwert sich Pohl. Es sei für sie schon schlimm genug, dass sie wegen einer Erkrankung seit drei Jahren im Rollstuhl sitzen muss. Jetzt auch noch nicht mehr vor die Tür zu können, das will die Rentnerin kein zweites Mal einfach so hinnehmen.

Das alles nehme sie psychisch sehr mit. Für die Eigentumswohnung habe die alleinstehende Pohl als Apothekerin hart gearbeitet. Seit nun schon 29 Jahren nennt sie die Wohnung an der Wilhelmshöher Allee ihr Zuhause. Dass sie sich hier nun wie im Gefängnis fühlt, ist für Pohl der reinste Albtraum.

Das sagt Hausverwalter Jens Bluhm

Der zuständige Hausverwalter Jens Bluhm von Immobilienmanagement Bluhm in Kassel versucht zu erklären, warum der Aufzug im Haus an der Wilhelmshöher Allee so lange defekt bleibt: Nachdem der neu eingebaute Motor im Juli kaputtgegangen ist, wurde von der Waldeckschen Firma ein neuer Motor kostenfrei bestellt. Da es ihn jedoch nicht auf Vorrat gab, musste er von Übersee geliefert werden.

Dies habe viel Zeit in Anspruch genommen, da der Motor einige Hundert Kilo wiege. Aber für heute sei bereits ein Baukran bestellt worden, sagt Bluhm. Dann soll der neue Motor eingebaut werden und der Aufzug nach Aussage der zuständigen Firma am Donnerstag, spätestens aber am Freitag wieder funktionieren.

Dass Uta Pohl sowie weitere ältere Herrschaften im Haus so lange den Aufzug nicht benutzen konnten, bedauert der Hausverwalter.

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